Verqueert und zugedröhnt

Die Regisseurin Pinar Karabulut wird vom Theater Basel als Spezialistin für „moderne, antipatriachale Aneignungen klassischer Stoffe“ vorgestellt. An Dostojewskis „Der Spieler“ ist sie mit diesem Programm grandios gescheitert.

Nach der Aufführung bleiben Fragen. Das kann sehr bereichernd sein, wenn Sitiationen, Begebenheiten und Umstände auf hintersinnige und/oder nachhaltig-gescheite Art hinterfragt werden. Aber es kann auch bemühend sein, wenn man die Intention dahinter einfach nicht so richtig verstehen kann.

So fragen wir uns schon einmal, warum der zentrale Spieler in der so betitelten Romanadaption von Fjodor M. Dostojewski, Alexej Iwanowitsch, mit einer Sie besetzt wurde. (Elmira Bahrami ist aber im doppelten Wortsinn eine gute Spielerin). Warum nicht, wenn es begründet würde. Wird es in der Inszenierung nicht. Dafür kann er/sie gegen Schluss zu einer wilden Lesben-Sexszene mit der angebetenen Stieftochter (Annika Meier) seines/ihres in die Spielsucht gefallenen Arbeitgebers loslegen.

Aber alles in Kleidern.

Womit wir beim Stichwort Kleidern oder Kostümen angelangt wären. Kleider, schrille, bunte, knappe, üppige und vor allem queere, sind die eigentliche Hauptrollen an diesem revueartigen Theaterabend. Bühnen- und Kostümbildnerin Sara Giancane hat etwa 120 Kostüme entworfen für die 14 Spielerinnen und Spieler auf der Bühne, die oftmals nicht mehr zu tun haben, als diese auf der ebenso kunterbunt-glizernden Drehbühne schön und schrill zur Geltung kommen zu lassen.

Aber auf das versteht sich das mit zwei waschechten Bodybuildern verstärkte Schauspielensemble aufs Beste. Und das ist viel an diesem Abend, der, begleitet von heavy Disco-Klängen eigentlich herrlich durchgeknallt beginnt – wie ein Teeny-Geburtstag, der sich auf viel zu viel Koks oder/und Amphetamin mit Kopulationsbewegungen ins Spielcasino verirrt zum Roulette-Tisch, der sich als Pooldance-Podium präsentiert.

Alexej im Pornoland? Eher eine Gefangenschaft im Abgrund der oberflächlichen Eitelkeiten.

Dauer-Erregungszustand

„Sie (die handelnden Personen) produzieren sich und ihre Gefühle, um ihre Sucht zu befriedigen“, heisst es im Programmheft als Erklärung dazu. Und: „Wenn der Erregungsgrad nicht hoch genug ist, dann stimmt der Einsatz nicht. Dann wird nachjustiert, um dem kalten Entzug entgegenzuwirken.“

Irgend einmal ist es mit dem dauernden Erregungszustand so weit, dass man diesem nicht weiter zusehen mag. Es gibt Dialoge zu hören mit Text, der tatsächlich aus Dostojewskis Vorlage stammen könnte. Aber er passt nicht wirklich zu den Figuren und den stets überkandidelten Konstellationen, mit denen wir zugedröhnt werden. Man sehnt sich nach dem Zustand des „kalten Entzugs“, um hinter der Dauerpose so etwas wie Mensch oder Hintergrund zu entdecken. Dieses bekommt man dann tatsächlich, aber sehr spät erst serviert. Wenn Alexej Iwanowitsch in einem spannungsvollen und stillen Monolog den Sog in die Spielsucht Revue passieren lässt.

Ein schöner, ruhiger Moment an diesem Dauer-Erregungsabend. Leider aber einer ohne grosse Nachwirkung. Denn sogleich folgt die Fortsetzung des comicartigen Posen-Panoptikums. Mit, wie bereits erwähnt, immer neuen Kostümen.

Am Schluss verheddert sich der/die Alexej Iwanowitsch in einem Hamsterrad mit der ewigen Selbstlüge eines/einer Süchtigen: Ich komme da schon raus, ich könnte weg, gleich …

Und im ertaunlich starken Schlussapplaus denken wir: Ach ja?

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