Die Familie ist wie ein kollabierender Stern

Das Theater Basel dreht die schaurige Krabat-Sage durch die „Mühle von Saint Pain“.

Berührende Stimme, berührendes Spiel aus dem Jenseits: Álfheiður Erla
Guðmundsdóttir als Mutter und Gala Othero Winter als Krabat. (Foto. Theater Basel/Mauricio Korbel)

Dieser Theaterabend berührt, amüsiert, verwirrt, langweilt auch mal (aber nur ein kleines bisschen), fasziziniert und lässt einen ein bisschen ratlos zurück. Vor allem aber ermöglich er eine Begegnung mit einer Schauspielerin (Gala Othero Winter), die sich schneidig und mit dem ganzen Spektrum der Gefühle mitten in die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer spielt. Aber was heisst spielt. Sie wuchtet sich tieftraurig, himmelhoch jauchzend, furios wütend und mitfühlend sanft durch den Theaterabend.

Dieser Abend mit dem Titel „Die Mühle von Saint Pain“ ist in erster Line einmal seltsam. Angekündigt ist er als „Schauspiel, Oper“. Nun, wer da so etwas wie Oper erwartet, dürfte schon etwas enttäuscht werden. Sängerin gibt es gerade mal eine, die Sopranistin Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als früh verstorbene Mutter aus dem Jenseits. Sie singt relativ wenig, aber wenn, dann sehr schön und berührend. Es gibt den Chor, aber der hat wenig zu tun. Und man sieht erst beim Schlussapplaus, dass dieser live gesungen hat.

Und es gibt, ein quasi im Bühnen-Sousol eingeklemmtes Orchester, eine mit Trompete, Harfe, Schlagzeug und Gitrarre ergänzte Streicherformation der Sinfonietta Basel. Aber diese spielt vornehmlich sinfonische Werke. Etwa Gustav Mahlers schwermütiges Adagietto aus der 5. Sinfonie, Dimitri Schostakowitschs Kammersinfonie op.110a, die manchmal klingt wie die Musik zu einem Hitchcock-Film. Dann einige Auftragskompositionen von Anna Bauer, und dazwischen Mozart und Gregorio Allegri, die auch der Sängerin und dem Chor etwas zu tun geben.

Aber eine Oper ist das nicht. Ein Schauspiel mit Musik – toller Musik notabene, dafür sorgt ein unter Thomas Wise sehr beherzt aufspielendes Orchester.

Aber das kümmert Regisseur und Schauspiel-Mitleiter Antu Romero Nunes überhaupt nichts. Ihm geht es in seiner virtuos von der Realitäts- in die Traumebene springenden Inszenierung in erster Linie um Theater pur. Wie auch dem Autoren-Geschwisterduo Anne und Lucien Haug. Sie berufen sich bei ihrem spannungsgeladenen Text auf Motive der Krabat-Sage, also die mit der schwarzen Mühle, den Raben und so weiter. Aber diese Bezüge muss man sich mit der Lupe und Pinzette erarbeiten.

Das ist letztlich aber nicht von Belang. Denn der Abend fesselt, auch wenn sich die Bezüge nicht immer oder gar nur ganz am Rande nachvollziehen lassen.

Zum Inhalt: Nach einen ausgedehnten und tragikomischen Vorspiel – drei Geschwister treffen sich zur Abdankung ihrer älteren Schwester Krabat, die sich das Leben genommen hat – geht es in die Irrungen und Wirrungen der Vergangenheit, namentlich ins Reich der toten Schwester. Dort erleiden die Geschwister ihre Kindheit erneut, wie sie vom Vater in der Mühle, die später abbrennt, zur schweren Arbeit genötigt werden. Und wie nach dem Tod der Mutter bei der Geburt des jüngsten Kindes Musik nicht mehr sein kann in der Familienbande.

Das ist so wild und strub wie gleichzeitig auch stimmig und höchst berührend zusammengesetzt, dass man als Zuschauerin und Zuschauer oftmals kaum Zeit findet, vom Lachen ins Staunen und ins Weinen zu wechseln. Das liegt nicht zuletzt auch am beherzten Spiel des Ensembles. Allen voran der bereits erwähnten Darstellerin von Krabat, aber auch von Elmira Bahrami als namenlose Nichte, Hilke Altefrohne, Jan Bluthardt und Edgar Eckert als Geschwister sowie Barbara Colceriu als Partnerin eines der Brüder.

„Eine Familie, ebenso wie ein Stern, leuchtet nur wenn sie sich selber frisst“, sagt die tote Krabat einmal in trauriger Nachdenklichkeit. „Ich bin Krabat und ich bin ein Komet. Und heute Abend schlage ich ein.“ Das tut sie fürwahr.

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