Ulisse senza Ulisse: Oper auf Irrwegen

Regisseur Krystian Lada streicht in der Barockoper „Il ritorno d’Ulisse in patria“ die Titelfigur und ersetzt sie durch eine Gruppe von Basler Männern mit Migrationshintergrund. Das funktioniert inhaltlich nicht, was aber dem musikalischen Erlebnis wenig anhaben kann.

Eigentlich hätten sich die Bühnentechniker auch einen Teil des heftigen Schlussapplauses abholen können. Denn sie haben in den über zwei Stunden doch einiges zu schleppen, für längere Zeiten zu halten, mit Gabelstaplern aus einer grossen Regalkonstruktion zu holen und wieder wegzuräumen. Dazu gehört ganz zu Beginn eine grosse Kiste, in der Penelope gefangen ist.

Penelope, das wissen wir von Homer her, ist die Gattin von Odysseus, die auf Ithaka viele Jahre auf die Rückkehr ihres Mannes und Königs warten muss und standhaft alle Freier von sich weist. Und wie es in der antiken Mythologie halt so Brauch ist, verläuft dies nicht ohne grosse Probleme, Intrigen und blutige Kämpfe ab, denn letztlich sind die Sterblichen dazu verdammt, Spielball der eigentlich selten menschenlieb agierenden Götter zu sein.

Um diese verzwickte Rückkehr des Odysseus (eben „Il ritorno d’Ulisse in patria“) geht es im Werk von Claudio Monteverdi, das als eine der ersten Opern der Geschichte gilt. Ginge es eigentlich. Denn für die Basler Aufführung im Schauspielhaus wurde die Titelfigur (und dazu auch zahlreiche Nebenfiguren) gestrichen. Musikalisch bis auf eine Bandeinspielung am Schluss fehlt die Stimme von Odysseus ersatzlos. Inhaltlich und zum Teil auch szenisch hat der polnische Regisseur Krystian Lada eine Gruppe Basler Männern mit Migrationshintergrund an die Stelle des Kriegerfürsten treten lassen.

Musikalisch lässt die offenbar skizzenhafte Partitur von Monteverdi diesen Strich irgendwie zu. Musikalische Dialoge werden zu Monologen, Leerstellen werden mit einem brummenden Nachhallen aus dem Synthesizer (gespielt von Nicolas Buzzi) überbrückt.

Inhaltlich aber geht die Intention, Odysseus zur „Projektionsfläche“ für die bruchstückartigen Geschichten von Migranten zu gebrauchen, nicht auf. Odysseus ist der zurückkehrende König und kein Flüchtling. Die Götter lassen sich dazu durchringen, explizit gegenüber dem von Neptun verdammten Heimkehrer Odysseus Gnade walten zu lassen, Penelopes Erleuchtungsmoment („Jetzt erkenne ich dich!“) ergibt sich durch die Wiederbegegnung mit ihrem Gatten, dem sie so viele Jahre die Treue gehalten hat. Wenn sie das Migranten entgegenruft, wirkt das inhaltlich ausgesprochen seltsam.

Vorzügliches Ensemble

Aber wie die Sopranistin Katarina Bradić dieses gesanglich und emotionell tut, ist ebenso berührend wie bestechend. Das liegt natürlich an der wunderbaren Musik von Monteverdi, die von Musikerinnen und Musikern des Barockorchesters La Cetra unter der Leitung von Johannes Keller vorzüglich dargeboten wird.

Überhaupt macht der Abend musikalisch das wett, was er inhaltlich als grosse Unstimmigkeiten hinterlässt. Das gilt für das gesamte Ensemble: für das den halben Olymp verkörpernde Götter- und Göttinnen-Quartett mit dem stimmgewaltigen Countertenor Théo Imart, dem Tenor Rolf Romei, dem Bass Alex Rosen und der Sopranistin Stefanie Knorr. Überzeugend sind die Tenöre Jamez McCorkle als Odysseus‘ Sohn Telemachos und Ronan Caillet als Hirte sowie Martin Hug als einzig übrig gebliebener Freier Penelopes (und zum Fremdenhasser mutierender Narr) Iros.

So richtig scheint Regisseur Krystian Lada seiner Intention, den Helden von damals durch die gesellschaftlichen Opfer von heute zu ersetzen, aber letztlich nicht zu trauen. Die Gruppe von „Basler Männern mit Migrationsgeschichte“ kommt gegen die beschnittene Grundhandlung nicht an und bleibt als aufgepfopftes Zusatzgeschehen im Hintergrund.

Dass dem so ist, dazu trägt die Inszenierung auch selber bei. Wie wenn es darum ginge, das Grundgerüst aus der griechischen Mythologie zu erhalten, wartet sie mit vielen symbolbeladenen Versatzstücken auf, die auf die Bühne und wieder weggefahren, aber nicht wirklich in die Handlung einbezogen werden werden: so etwa ein verkohltes trojanisches Pferd oder lädierte und tropfende Rettungs-Flosse, die in den Bühnenhimmel gezogen werden.

Das alles bleibt am Schluss aber vernachlässigbar. Leider, denn es wäre im Grundsatz natürlich zu begrüssen, wenn das Theater den Stimmen der Migrantinnen und Migranten in Basel Gehör verschaffen würde, was hier aber letztlich nicht klappt. Aber auch zum Glück, weil das alles dem wunderbaren musikalischen Erlebnis am Schluss eigentlich erstaunlich wenig anhaben kann.

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