Im Basler Schauspielhaus scheitern die Liebe und das Leben an der Wirklichkeit. «Die Möwe» ist ein langer Theaterabend, zieht das Publikum aber bis zum bitteren Ende in ihren Bann.

Auf diesem Landgut ist das Unglück daheim: Der junge Möchtegern-Performancekünstler Kostja liebt Nina, eine junge Frau mit schauspielerischen Ambitionen. Diese wiederum fühlt sich zum erfolgreichen Schriftsteller Trigorin hingezogen, der diese Hingabe selbstgerecht ausnützt, als wäre sie Figur einer seiner Erzählungen. Er ist als gemütsarmer Liebhaber von Kostjas Mutter Irina Arkadina auf das Landgut gekommen, doch die Schauspielerin liebt letztlich nur sich selbst.
Damit ist noch nicht genug: Da ist auch noch Mascha, die schwermütige Tochter der Gutsverwalter, die mit ihrer Liebe an Kostja abprallt. Sie wiederum weist die Liebe des im Selbstmitleid badenden Lehrers Medwjedenko ab, heiratet ihn letztlich doch, was nicht gut endet. Den Reigen der Unglücksseligen schliesst der schwerkranke Gutsbesitzer Sorin ab, der wehmütig auf ein Leben ohne Liebe zurückblickt.
Alle möchten etwas sein und besitzen, was für sie nicht erreichbar ist. Sie alle leiden an ihrem unerfüllten und von einer trübsinnigen Langeweile beherrschten Dasein, aus dem sie nicht ausbrechen können. Selbst die von Kostja erlegte titelgebende Möwe bleibt als symbolgeladene Bezeugung der unerfüllten Liebe zu Nina in der Plastiktüte. Nur einer, eben dieser Kostja, zieht eine, wenn auch unglücksselige Konsequenz, indem er sich das Leben nimmt.
Gnadenlose Diagnose der Unglückseligkeit
Soweit das Setting des schreibenden Arztes Anton Tschechow, der keine moralische Wertung vornimmt, sondern eine dramatische Diagnose vorrlegt und das Ganze auch noch als Komödie deklariert. Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart hält sich an dieses Setting – mit einer gewichtigen Abweichung: Kostja, bei Tschechow ein jungen Mann, ist in der Basler Aufführung eine Frau. Aus dem unerfüllten heterosexuellen Begehren werden so lesbische Liebesdesaster.
In einer ersten Ankündigung der Produktion in der Bearbeitung von Martin Crimp war von einer queeren Lesart des Stücks die Rede. Obschon eine Frau auch die Rolle des Gutsbesitzers übernimmt, legt die Inszenierung aber kein konzeptionelles Gewicht auf diese Lesart. Die Besetzung Kostjas mit einer Frau erweist sich als überaus stimmiger Kunstgriff – nicht nur (aber auch), weil Gala Othero Winter grandios aufspielt.
Nichts wirkt aufgesetzt. Kostja führt als Frau nicht in neues Setting, sondern verstärkt im Gegenteil die von Tschechow angelegten Konflikte: Die Ansätze der lesbischen Liebe bei Nina (Antoinette Ullrich) und das entsprechende Begehren bei Mascha führen letztlich erst recht in die Sackgasse heterosexueller Beziehungen. Und das Zerwürfnis zwischen Kostja und ihrer empathielos selbstverliebten Mutter Irina Arkadina (Marie Löcker) gewinnt als Mutter-Tochter-Konflikt an Sprengkraft.
Woodcock-Stewart verpflanzt die jämmerliche Gesellschaft mit der Bühnenausstattung von Rosie Elnile vom idyllischen Seeufer, wie es von Tschechow angelegt ist, in ein klinisch ödes Labor mit weissem Kunststoff-Boden und einem Laufsteg aus Metall, der wie ein monströser Uhrzeiger die Zeit verrinnen oder besser ablaufen lässt. Und das Seeufer, wo der Schriftsteller Trigorin auf degoutant selbstgerechte Art mit den Gefühlsregungen von Nina spielt, wird zum Einstieg in einen Pool.
Bis an die Grenze der Aufnahmefähigkeit
Die Inszenierung konzentriert sich auf die Seelenlandschaften der Menschen, die ihrem Unheil entgegendämmern. Und diese Menschen sind durchs Band hindurch bestens besetzt, bringen ihre Leidensgeschichten nahezu schmerzhaft spürbar für die Zuschauenden über die Rampe. Allen voran das zentrale Trio mit Kostja, Nina und Irina Arkadina.
Dazu kommen der blasierte Schriftsteller (Linus Schütz) und der dauerjammernde Lehrer (Julian Anatol Schneider); der quasi als Alter Ego Tschechows über dem Ganzen stehende Arzt (Jan Bluthard) und die sich vom Unglück ins weitere Unglück stürzende Mascha (Mona Lou Wyss); die melancholische Gutsbesitzerin Sorin (Sabine Waibel) sowie der proletenhaft aufbrausende Gutsverwalter Ilija Schamarjew (Andrea Bettini) und seine verloren wirkende Frau (Yohanna Schertfeger). Ausserdem die rührend-komischen Auftritte des servilen Lakais Jakow (Bo Niklaus Müller).
Die Inszenierung lässt diesem Menschenpark Zeit, sehr viel Zeit. So werden die Momente der grassierenden Langeweile zuweilen bis an die Grenze der Aufnahmefähigkeit ausgedehnt. Das hat zur Folge, dass der Theaterabend mit 3 Stunden und 45 Minuten sehr lang geraten ist. Die Regie und die Darstellenden wissen diese Zeit indes so eingehend auszufüllen, dass man bis zum Schluss gebannt am Geschehen dranbleibt.
Anton Tschechow «Die Möwe» im Theater Basel. Nächste Vorstellungen auf www.theater-basel.ch
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Diese Besprechung erschien am 16. Oktober in der „bz Basel“
