Anna Bergmann präsentiert im Basler Schauspielhaus eine Inszenierung von Henrik Ibsens „Gespenster“, bei der alles in höchster Perfektion abläuft. Die Idee, die Geschichte aus der Sicht der Nebenfigur des Dienstmädchens zu erzählen, nimmt dem Ganzen aber einiges an Sprengkraft der bös-ironischen bürgerlichen Tragödie.

Das Bühnenbild von Ben Baur ist eine visuelle Wucht, die Kostüme von Cédric Mpaka könnten in einer Haute Couture-Schau Begeisterungsstürme auslösen, der Soundteppich von Heiko Schnurpel würde jeden subtilen Horrorstreifen adeln. Die Live-Videos wirken im szenischen Zusammenspiel mit den wirklich anwesenden Figuren stimmig und unaufdringlich. Die Personenführung der Regisseurin ist von höchster Präzision, die Schauspielerinnen und Schauspieler sind konzentriert bei der Sache und einfach gut.
Alles gut also?
Aber inhaltlich geht die Sache nicht ganz auf. Regisseurin Anna Bergmann schien sich nur bedingt für die von Ibsen erzählte Familientragödie zu interessieren. Diese bewegt sich rund um die verbitterte Witwe Helene Alvin, die ihrem verhassten Ehemann ein Kinderheim widmen möchte. Es geht um das Wiedersehen mit der einstigen Möchtegern-Geliebten Pastorin Manders (bei Ibsen eigentlich ein Pastor) und dem schwerkranken Sohn, der von seinem verstorbenen Vater die Syphilis geerbt hat und frustriert feststellen muss, dass die von ihm angebetete Haushaltshilfe seine Halbschwester ist.
Bergmann fokussiert sich nun auf diese Hausangestellte Regine, die bei Ibsen lediglich ein Nebenpart mit wenigen Sätzen ist. In einem Hin- und Her zwischen Opferdasein und Befreiungsgeste trippelt sie in Ballettkluft auf Spitzenschuhen oder von einer fulminanten Tanzwut gepackt im feuerroten Kostüm durch die Szene. Sie ist in einer Erscheinung zwischen Madonna (der Sängerin) und Alice im Wunderland stetige Beobachterin, Medium und Kommentatorin des Geschehens, in dem es keine wirklichen Menschen gibt, sondern eben Gespenster oder „Wiedergänger“, wie es in der wörtlichen Übersetzung von Ibsens Stücktitel eigentlich heisst.
Starker Auftritt von Regina Raimjanova
Klar dass man dieser neu erschaffenen Hauptfigur Fremdtexte in den Mund legen muss, etwa Passagen aus dem Song „Me and a Gun“ von Tori Amos, in dem es um eine Vergewaltigung geht. Diese gab es bei Ibsen nicht eigentlich. Die Schauspielerin Regina Raimjanova weiss aber mit ihrem facettenreichen Spiel auf der Bühne und im übergrossen Livevideofeed, vor allem mit der starken Bühnenpräsenz zu fesseln. Am Schluss, wenn das von der Witwe gestiftete und vor der Eröffnung stehende Kinderheim in Flammen aufgeht, erschiesst sie in einem Befreiungsakt die eigentlichen, also die ursprünglichen Hauptfiguren des Stücks.
Obwohl das Eschiessen im Sinne von Todschiessen hier nicht ganz aufgehen mag. Denn die „anderen“ scheinen in Bergmanns Inszenierung längst gestorben zu sein. Wie blutleere Wiedergänger spucken sie durch das abgetakelte Haus, hinter dessen Tapeten gruselige Kinderzeichnungen zum Vorschein kommen.
In den Schatten gedrängt
So in den Schatten gedrängt, verlieren die eigentlichen Hauptfiguren aus Ibsens Drama an Geltung und Wirkungskraft, die ihnen der Autor zutrug und das Stück zum Dauerbrenner machte. Das liegt nicht an den Schauspielerinnen und Schauspielern. Carina Braunschmidt ist oder besser wäre eine eigentlich grosse Besetzung der Witwe Alvin, wenn sie denn Hauptfigur hätte sein können und nicht eine Art Wiedergängerin, die zum Teil auf die Rolle einer Zombiefigur in einem Horrostreifen zurückgestuft wurde.

Mit der Rolle der Pastorin (Bärbel Schwarz) schien die Regisseurin so wenig anzufangen gewusst zu haben, so dass sie sich mit blutigen Selbstzerstümmeleien und einer unvermittelten Lesben-Kussszene in Erinnerung zurückrufen muss. Nur der Sohn Oswald (eindrücklich: Dominic Hartmann) darf in seiner Jämmerlichkeit noch so etwas wie Mensch sein, während der Tischler Engstrand (Daniel Lommatzsch) als übergriffiger Vater Regines seiner dramaturgischen Aufgabe doch letztlich ganz eindrücklich beklemmend gerecht werden kann.
