Heldendämmerung auf Schwizerschwedisch

Diese «Odyssee» hat mit dem gleichnamigen Epos von Homer wenig gemein. Geboten kriegt man auf der Kleinen Bühne dafür eine überwältigend witzige Heldendekonstruktion mit zwei grandiosen Schauspielern.

Was war dieser antike Superheld Odysseus denn nun? Wir wissen, dass der griechische Feldherr mit seiner Pferde-List Troja zu Fall brachte, dann aber auf seiner Heimreise eine zehnjährige Irrfahrt erleiden musste. Seine beiden Söhnte am Sarg des Vaters sind sich nicht einig. Ein «Wanderer» sei er gewesen, sagt der eine, ein brutaler «Soldat» der andere.

Stopp. Oder besser «Stoppenden». (Was das heissen soll, davon später mehr.)

Hatte Odysseus mehrere Söhne? Bekannt ist Telemachos, der als Säugling vor den Pflug des Vaters gelegt wurde, um dessen geheuchelten Wahnsinn als Drückeberger vor dem Aufgebot zum Trojanischen Krieg zu entlarven. Aber der zweite Sohn mit Namen Telegonos? Der soll während der Odyssee mit Kirke gezeugt worden sein, wird von Homer aber nicht genannt.

Die beiden Brüder treffen sich also zum ersten Mal am Sarg des Vaters. Der eine ist Musiker (Tuba) und Magier, der andere Rapper. Zwei höchst unterschiedliche Gesellen, auch wenn sie zumindest durch ihre blonden, streng nach hinten gekämmten Haare unzweideutig als Söhne ihres Vaters erkennbar sind. Dieser wiederum hängt als Porträt der Hollywood-Ikone Kirk Douglas, der Odysseus einst gemimt hatte, an der Hinterwand der Abdankungshalle (Bühne und Kostüme: Jennifer Jenkins und Matthias Koch).

Die beiden Brüder lernen sich also kennen, verstricken sich in ein Spiel von Ver- und Unverständnis, bis am Schluss der unbändige Hass gegen den Vater durchbricht, der sie beide so sehr in Stich gelassen hat.

Falls diese Inhaltsbeschreibung hier stringent und logisch klingt, ist das irreführend, was den knapp zweistündigen Theaterabend angeht. Dieser ist erst einmal strub, grotesk, verquer, albern und vor allem unglaublich witzig. Es ist eine bitterböse theatrale Clownerie, die man in dieser überdrehten Form noch selten erlebt hat.

Herrliche Kunstsprache

Das fängt – und nun kommen wir zurück zu «Stoppenden» – bei der Sprache an. Aber was heisst schon anfangen, diese Sprache ist ein andauernder Höhepunkt des Abends, der so viele Highlights aufweist. Regisseur Antú Romero Nunes sowie die beiden Schauspieler Thomas Niehaus und Paul Schröder haben für die Produktion eine Kunstsprache entwickelt, die wie Schwizerschwedisch klingt. Man trifft sich am «Begraevening of min Papa» und steht vor dem Sarg, der nach «Aventiure smellt».

Das Wunderbare daran ist, dass man als Zuschauer oder Zuschauerin jedes Wort versteht (wenn es nicht im Lachen untergeht). Man kann sich nun fragen, warum dieses skandinavisch angehauchte Kauderwelsch an einem Abend, der sich um griechische Mythologie dreht? Die Antwort dürfte sein: weil es so witzig klingt. Und das muss als Antwort reichen. Es ist wirklich rasend komisch!

Das Ganze ist erst einmal Spasstheater pur, grandios und mit stupend choreografierten Slapstickeinlagen durchwirkt gespielt. Szenen und Szenerien aus der Odyssee kommen vor: etwa das grausame Spiel des Kyklopen Polyphem (mit einem magischen Auge) oder der Irrfahrt auf der stürmischen See (als Badewannen-Ballett im Sarg) vor. Das Spiel der beiden fulminant agierenden Darsteller bewegt sich durch szenische Sphären des Zirkus’, von Schaubuden und bouleskem Varieté, gewürzt mit akrobatische Einlagen, Zauberkunststücken und Tuba-Einlagen (Albinonis berühmtes Adagio zieht sich wie ein musikalischer roter Faden durch den Abend).

Unter dieser Oberfläche ist aber ein gefährliches Brodeln zu spüren. Am Schluss mündet das Ganze in furioses Kettensägen-Massaker, und die beiden Söhne zermanschen ihre Gesichter mit Knetmasse zu Monsterfratzen. Spätestens dann wird das irrwitzige Geschehen gebrochen. Und man beginnt trotz des riesigen Vergnügens, das dieser Abend bereitet, darüber nachzudenken, was mit jungen Menschen geschehen kann, wenn sie aus der Spur fallen.

«Odyssee» ist nach «Café Populaire» bereits die zweite Produktion der Best-of-Serie aus der vergangenen Tätigkeit der neuen Schauspielleitung. Nunes’ Inszenierung hat bereits einen sehr erfolgreichen Weg hinter sich. Die Produktion aus dem Hamburger Thalia Theater war 2017 in der Auswahl des Berliner Theatertreffens.

«Odyssee – eine Irrfahrt nach Homer» auf der Kleinen Bühne des Theater Basel.

Dieser Text wurde für die „bzBasel“ verfasst.

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