Ein(e) Stern am Schweizer Literaturhimmel

Mit Anna Stern ist bei der Verleihung des Schweizer Buchpreises 2020 eine Überraschungssiegerin gekürt worden. Ihr nur auf den ersten Blick sperrig wirkender Roman „das alles hier, jetzt“ ist ein überaus preiswürdiges und vor allem lesenswertes Werk.

Sie wirkte etwas verloren auf der grossen Treppe im Basler Theaterfoyer, als sie den Preis entgegennehmen konnte oder – äusserlich hatte man das Gefühl: musste. Alle Beteiligten wirkten verloren an diesem Anlass, der eigentlich als grosse Feuer geplant war, wegen der Corona-Krise aber zu einer reinen Medienkonferenz zusammengeschmolzen werden musste. Anna Stern schien selber am meisten überrascht zu sein, dass sie so gestandene Mit-Nominierte wie Charles Lewinsky (der nun bereits zum dritten Mal nicht Buchpreisträger wurde) hinter sich gelassen hat.

Die Buchpreis-Jury hat sich für die Jüngste auf der Fünfer-Shortlist entschieden und für eine Autorin, die sich traut, formell neue Wege zu beschreiten bzw. zu beschreiben. Bereits der Titel „das alles hier, jetzt“ besagt, dass einen kein gewöhnlicher Lesestoff erwartet. Da ist einmal die konsequente Kleinschreibung, an die man sich als Leser, als Leserin erst einmal gewöhnen muss. Dazu kommt eine Zweigleisigkeit, also zwei auf der linken und rechten Seite des Buchs (das e-Book stösst hier an seine Grenzen) getrennte Erzählschienen, zwischen denen man hin und her switschen muss/kann/darf. Die kleingeschriebenen Satzanfänge erleichtern da die Orientierung nicht gerade.

Wer sich aber darauf einlässt, wird belohnt. Und kann vielleicht auch beruhigt feststellen, dass die Form hier den Inhalt nicht torpediert (oder experimentell verschwurbelt). Ganz im Gegenteil. Der Roman umkreist einen Kreis von jungen Freunden und/oder Freundinnen, die einen Todesfall in ihrer verschworenen Clique zu bewältigen versucht und (zumindest sehr lange) daran scheitert.

Überwältigende Sprachkraft

Und wie im richtigen Leben läuft so etwas nicht eingleisig ab. Da ist auf der – hier eben wörtlich genommenen – einen Seite die Paralyse der Gegenwart, die Trauerarbeit, die in die Sackgasse führt. Und auf der anderen Seite stehen die Erinnerungen an die gemeinsamen Zeiten.

Anna Stern beschreibt diese beiden Ebenen in zum Teil kargen Sätzen, die aber von einer überwältigenden poetischen Sprachkraft sind – intim, aber ohne je ins Sentimentale zu kippen. Da liest man Sätze, wie (es geht um die Beerdigung):

„selbst der schnee ist schwarz. nur die kälte, die kälte, die nicht sichtbar ist, die in in dich kriecht wie ein parasit, durch die fußsohlen, in den adern deine beine hinauf, durch deine eingeweide am kehlkopf vorbei und weiter in deine augen, in deinen kopf: die kälte ist weiß.“

So sehr sich Anna Stern in die Seele ihrer Protagonistinnen und/oder Protagonisten hineinbegibt, hält sie dennoch grosse Distanz zu ihrem Äussern. Die Namen – die oder der Verstorbene heisst „ananke“ – lassen offen, welchen Geschlechts sie sind. Es geht um Gefühle, um das Fühlen, nicht ums Äussere. Sogar die Ich-Erzählerin oder der Ich-Erzähler wird sogleich zum Du.

Ja. Und just wenn das Resumieren über die Nichtbewältigung des Todes, das Wühlen in er Vergangenheit auszuufern beginnt, findet Anna Stern eine neue Wendung, die zum erfrischenden, weil doch noch hoffnungsvollen Schluss führt.

Warum vertieft sich eine so junge Autorin so sehr in das Themenspektrum Tod und Trauer, habe ich sie kurz nach der Preisverleihung gefragt. Die Antwort war so kurz wie einleuchtend: „Jung zu sein, bewahrt einen nicht davor, Verluste zu erleben.“

Wie simpel und wahr. Und so gut beschrieben, ist es eine Wucht.

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