Dass das Büroleben seltsam sein kann, weiss man. Aber so seltsam verschroben und charmant sinnlos, wie dies uns Christoph Marthaler am Theater Basel im Projekt „Gesellschaft mit besonderer Hingabe (GmbH)“ von Akteurinnen und Akteuren aus dem Ensemble und dem Zürcher Theater Hora vermitteln lässt, hat man diese wohl nicht erleben können.

„Ausprobieren ist das Gegenteil von Gut!“, sagt das „Süden-Orakel“ von einem Bildschirm aus auf die Bürogemeinschaft hinunter. Diese lässt sich von diesem Sinnspruch nicht beirren. Obwohl: Wirklich ausprobiert wird in dieser „Gesellschaft mit besonderer Hingabe (GmbH)“, so der Titel des Marthaler-Abends, nichts. Alles erscheint über Jahre hinweg eingespielt, so wie das in Büros der Echtwelt vorkommen kann.
Es handelt sich offenbar um eine Art Testbetrieb, wie man mit der Zeit herauslesen kann. Getestet werden Kissen, Duftnoten und Staubsauger, die jeweils über einen Warenlift in die bieder-vertaubten Welt hineingefahren werden. Es ist eine Welt, in der die Zeit trotz des deutlich vernehmbaren Ticken der Uhr stehengeblieben ist. So wie dies bei Marthaler gang und gäbe ist.
Das fängt beim herrlich eigentümlichen, klaustrophobisch abgeschlossenem Bühnenbild an, das dieses Mal nicht von Anna Viebrock oder Duri Bischoff, sondern von Lex Hymer entworfen wurde. Dazu kommen die liebenswert dargestellten und von Sophie Reble grandios-schauderbar eingekleideten verlorenen Seelen, an denen der Lauf der Welt längst vorbeigerauscht ist.
Zusammenarbeit mit dem Theater Hora
Diese Menschenwelt ist in diesem Projekt eine Besondere: Marthaler arbeitet erstmals mit dem Zürcher Theater Hora zusammen, das gemäss Eigenbeschrieb mit Schauspielerinnen und Schauspielern mit „IV-zertifizierter kognitiver Beeinträchtigung“ arbeitet. Dazu kommen vier Mitglieder des Basler Theaterensembles, ohne dass auf der Bühne ein Unterschied herausgearbeitet wird oder eine Hierarchie irgendwelcher Art entstehen kann.
Zu Beginn des Abends werden sie einzeln vorgestellt. Da ist der „Chef vom Test. Er sucht Dinge, die man testen kann: Pakete, Steckdosen und eine Freundin.“ Oder eine weitere Chefin, welche die Tuba liebt und lieber Ferien hat als arbeiten zu müssen, ein Chef, der manchmal Elbisch spricht. Und so weiter.
Verschrobene Jazz-Combo
Sie sind alle Chefs, ohne dass sie wirklich etwas zu sagen hätten. Die Direktiven kommen auf verschwurbelte Art von aussen hinein, so dass sie letztlich nicht viel mehr als Sklaven ihrer Routine sein können. Ausser wenn sie Musik machen, wenn sie sich mit Instrumenten, mit denen sie nur bedingt etwas anzufangen wissen, zur hinreissend verschrobenen Jazz-Combo zusammenfinden. Auch das kennt man von Marthalers Theaterarbeit.
Überhaupt ist alles Martahler.Theater pur, was man auf der Bühne des Schauspielhauses während knapp anderthalb Stunden erlebt: Es gibt die charakteristischen Wiederholungen, die Stillstände, das Wegdämmern, das sinnlose Bestreben nach Sinn. Nur die chorischen Gesänge bleiben für dieses eine Mal aus.
Unter dem Strich hat Marthaler für „Gesellschaft mit besonderer Hingabe (GmbH)“ routiniert in seine Bühnen-Trickkiste gegriffen, ohne inhaltlich wirklich etwas Neues zu schaffen. Manchmal scheint es, dass hier einprobierte Suenen-Bausteine aufeinander gesetzt wurden.
Aber diese szenischen Bausteine sind zu einem grossen Teil so hinreissend absurd-komisch, dass man letztlich gerne zuschaut. Das liegt natürlich am sehr gut eingespielten Ensemble auf der Bühne mit Rmeo Beuggert, Raphael Clamer, Vera Flück, Robin Gilly, Nikolai Gralak, Martin Hug, Marie Löcker, Tinziana Pagliaro, Simon Stuber und Fabienne Villiger.
Alles in allem ist es ein Theaterabend „mit besonderer Hingabe“, der vom Premierenpublikum mit viel Applaus bedacht wurde.
