„Ich befinde mich seit 20 Jahren in einem weltweiten Dialog“

Am 24. August begann das Theaterfestival Basel. Es wird die letzte Ausgabe unter der Leitung von Sandro Lunin sein. Das Programm ist geprägt vom künstlerischen Nord-Süd-Dialog, was sich in der Zusammensetzung des Teams der Kuratorinnen und Kuratoren zeigt.

Die Covid-19-Pandemie ist noch nicht wirklich vorbei, in Europa herrscht ein brutaler Krieg. Wie sehr beeinflusst das einen Festivalleiter bei der Zusammenstellung eines Programms?

Das beeinflusst das Programm natürlich, auch wenn solche Krisensituationen ja nicht neu sind. Es gab die AKW-Katastrophe von Fukushima, es gab und gibt stets Kriege. Unsere Welt ist schon lange mit massiven Konflikten beladen. Umso wichtiger ist es, dass wir zum Festival Künstler*innen und Künstler einladen, die aus diesen Krisengebieten stammen und die hier ihre Blickwinkel präsentieren können.

Das heisst, Krieg und Krise kommen inhaltlich vor am Festival?

Sandro Lunin

Durchaus, wenn auch nicht eins zu eins. Das grosse Ukraine-Kriegsstück wird es nicht zu sehen geben. Aber wir werden zum Beispiel ein wunderbares Kinderstück des Puppentheaters Ljubjana zeigen, das sich mit dem Thema Krieg befasst. Am diesjährigen Theaterfestival wird mit einer grossen Feinheit und Zartheit an die Themen herangegangen, fast so, als ginge es um eine Gegenbewegung zur Brutalität unseres Alltags. Das hat mit Eskapismus aber nichts zu tun.

Das Schwergewicht liegt auf dem Nord-Süd-Dialog, der stets ein Schwerpunkt ihrer Arbeit als Veranstalter war. Vor zwei Jahren war dies wegen der pandemiebedingten Reisebeschränkungen nicht möglich. Haben Sie nun alles nachholen können?

Die Grenzen sind wieder offen, die Künstlerinnen und Künstler können wieder reisen, das ist wunderbar. Vor zwei Jahren war der Austausch mit Gruppen aus Lateinamerika, Afrika und Asien nicht möglich. Umso wichtiger ist es, dass wir hier die Türen wieder öffnen.

Der weite geografische Bogen im Programm ist auffällig: Er reicht von Australien und Thailand bis nach Brasilien und Chile.

Es ist ein grosses Panorama von Arbeiten mit etablierten Künstlerinnen wie Lia Rodrigues und ihrer Tanzcompagnie aus Brasilien, aber auch von jungen, interessanten Theaterleuten wie Wichaya Artamat aus Bangkok, der aus einem Land stammt, das man hier bisher kaum mit Theater verband.

Speziell ist das Team der Kuratorinnen und Kuratoren, das Sie zusammengestellt haben. Mit Vertreterinnen und Vertretern aus Japan, Indien, Südafrika sowie zwei jungen Dramaturginnen aus Basel. Das ist Nord-Süd-Dialog in Extremis.

Für mich ist das eine neue Normalität. Ich befinde mich als Theater- und Festivalleiter seit über 20 Jahren in einem weltweiten Dialog nicht nur mit Künstlerinnen und Künstlern, sondern auch mit Kuratorinnen und Kuratoren. Wir kennen uns seit vielen Jahren. Jetzt folgt der eigentlich logische Schritt, diese Gesprächspartnerinnen und -partner aktiv in die Programmgestaltung einzubinden.

Ist es auch der Versuch vom kolonialistisch angehauchten Blick, wir zeigen euch exotische Künste aus aller Welt, wegzukommen?

Absolut. Den kolonialen Blick des weissen Europäers, der die finanziellen Möglichkeiten hat und bestimmt, wie die Theaterlandschaft auszusehen hat, gilt es zu hinterfragen. Da ist die Kooperation, das gemeinsame Schauen, eine grosse Chance. Es ist immer noch erstaunlich, wie verbreitet das Fremde als Bedrohung und nicht als Bereicherung empfunden wird.

Sie haben die Feinheit und Zartheit der Produktionen erwähnt. Fehlt da unter dem Strich nicht das grosse Spektakel, das doch eigentlich zu einem Theaterfestival gehört?

Ich glaube nicht. Das grosse Spektakel kommt vielleicht weniger vor als noch vor zwei Jahren – wir haben diesmal viele Arbeiten ausgewählt, die die Themen der Zeit sehr sorgfältig und fein behandeln. Aber ganz ohne Spektakuläres wird es nicht abgehen, ob bei der energiegeladenen Tanzproduktion «Encantado» aus Brasilien oder bei der Performance der Tanztruppe des Marokkaners Taoufiq Izeddiou, die die Spiritualität der Sufi-Zeremonie ins Nicht-Religiöse überträgt. Beides sind spektakuläre Produktionen, die aber nicht marktschreierisch daherkommen.

Einen Kontrast schaffen Sie auch mit den Nouveau Cirque-Produktionen.

Natürlich, obwohl es auch hier fein und verspielt zugehen kann. Das Spiel mit dem Glas der brasilianischen Zirkustruppe der französischen Akrobatin Maroussia Diaz Verbèke verspricht jedenfalls ein zirzensisches Feuerwerk.

… für das man über die Landesgrenze nach Saint-Louis reisen muss. Das Theaterfestival überschreitet nicht nur inhaltlich und bei den Produktionen, sondern auch bei den Spielorten Grenzen.

Wir waren bisher vor allem kantonal grenzüberschreitend in Bezug auf die Spielorte ROXY in Basel-Landschaft und Neues Theater in Dornach im Kanton Solothurn. Mich hat es gereizt zu erfahren, was da in unserem Nachbarland Frankreich unmittelbar auf der anderen Seite des Rheins läuft. Ich habe angeklopft und es zeigte sich ein gemeinsames Interesse am Nouveau Cirque. So ergab sich diese tolle neue Zusammenarbeit.

Das Interview wurde für die Nachrichtenagentur Keystone-SDA geführt

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