Und eine Buddel voll Rum: Die Geschichte des Dreispitz’ wird zum Leben erweckt

Das Projekt «Freizone Dreispitz reloaded» von Recycled Illusions ist ein packender Audio-Video-Walk und eine faszinierende Geschichtsstunde zugleich.

Geschichtsstude: Früher waren Pferde unterwegs.

Wissen Sie, wie der bekannte hochprozentige jamaikanische Rum Coruba zu seinem Namen kam? Auf dem Parcours «Freizone Dreispitz reloaded» ist es zu erfahren (und das Produkt auch noch zu degustieren). Das ist ein Teil der Vergangenheit des Freilagers Dreispitz, das einst aus dem Landgut Christoph Merians eine zollmässig verbotene Stadt und einen Kunsthotspot machte. Die Antwort auf die Frage soll hier ausbleiben. Nur so viel sei verraten: Sie hat viel mit der Dreispitzgeschichte zu tun.

Das ist ein Teil des faszinierenden Parcours, der die leidige Erkenntnis hinterlässt: Wäre das Dreispitzareal am Abend nur zu einem Bruchteil so lebendig wie das Projekt, es hätte den Titel des «coolsten Quartiers der Stadt», wie eine Basler Tageszeitung kürzlich schrieb, wahrlich verdient.

Aber in der Realität ist der riesige Freilagerplatz um 19.30 Uhr menschenleer. Das Bistro des Hauses der elektronischen Künste (HEK) ist zu. Und auch sonst gibt es nirgendwo eine Einkehrmöglichkeit. Tote Hose. Nicht mal auf den Balkonen der Wohnungen rund um den Platz lässt sich eine Menschenseele von der Abendsonne verwöhnen.

Knoblauchpulver und Augmented Reality

Doch auch der verminderte Herzschlag des Quartiers, das mit Kunsthochschule, Kulturinstitutionen, alteingesessenem Gewerbe und Wohnungen tagsüber durchaus lebendig ist, hat seinen Reiz. Aus dem Soussol eines der Bauten an der Oslostrasse erschallt das Gehämmer wuchtiger Tanzschritte. Die Stepptanzschule Tanzwerk hat Hochbetrieb. Und über den Platz schreiten gemächlichen Schrittes vereinzelt Menschen mit Kopfhörern.

Letzteres sind wir, also die Teilnehmenden am Audio-Video-Walk, der eine performative Brücke von früher zur Zukunft schlägt. Und der das Transformationsareal mit fiktiven Geistern und tatsächlichen Protagonisten der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft zur multimedialen Wunderwelt auferstehen lässt.

Der von einer präzis anweisenden und sehr freundlichen Kopfhörerstimme angeleitete Parcours führt rasch mal weg von der Hochglanz-Gegenwart mit dem in der Abendsonne glänzenden HGK-Klotz und den Vorzeige-Wohnbauten Transitlager und Helsinki. Man taucht – mit realen Schauspieleinlagen, aber auch mit Augmented-Reality-Sequenzen unterstützt – über Schotterwege der ehemaligen Gleisanlagen ein in die Vergangenheit des Zollfreilager- und Industriegebiets.

Man begegnet Mario, der einst wirklich Verwalter des Freilagers war. Er präsentiert den ehemaligen Rum-Tank im Keller des neu als Atelierhaus der HGK genutzten Freilagergebäudes. Und man trifft Harald, der viele Jahre den grossen Kran des Containerterminals bedient hatte, den es heute nicht mehr gibt. Er sinniert darüber, wohin die Tonnen von Knoblauchpulver aus China einst hingelangten. Und serviert an Ort und Stelle selber gemachte Knoblauchbrote.

Mit dem Foodtruck unterwegs

Auch weiteren realen Protagonistinnen und Protagonisten des Quartiers begegnet man. Der Wirtin der Dreispitzkantine zum Beispiel (die sich jetzt mit veganen Kunststudentinnen herumschlagen muss statt mit den einst geliebten karnivoren Lastwagenfahrern). Mit einer tanzenden Vertreterin des einzigartigen Restmaterialienmarktes Offcut, unter dessen wunderschönem Dach sich auch eine Padelhalle befindet – Padel ist eine lateinamerikanische Tennisvariante.

Gerne würde man (und kann es auch) an den Ort des farben- und figurenreichen Hindu-Tempels mitten im Gewerbegewimmel zurückkehren, um sich dort in einem der vielen exotischen Foodtrucks verköstigen zu lassen – einer davon nimmt einen ein Stück des Weges mit.

Gerne glaubt man nach dem Parcours auch an den Zauber der Kombination von Alt und Neu, die das Dreispitzareal dereinst wirklich zum «coolsten Quartier» werden lassen könnte. Vieles wird davon abhängen, wie mit den jüngsten Plänen der Uni-Erweiterung nun tatsächlich auch eine nachhaltige Belebung erreicht werden kann.

Aber das ist – respektive war – noch nicht Thema des Audio-Video-Walks der Performance-Offensive Recycled Illusions. Die Plätze für die Parcours, auf die man sich als Einzelperson begibt, sind begrenzt. Eine frühe Reservation eines Time-Slots bis 5. Juni ist deshalb unbedingt zu empfehlen.

(Der Text erschien am 23. Mai in der „bz Basel“).


Wer keinen Time-Slot ergattern kann, kann sich auch individuell auf einen Spaziergang durch demn Kosmos Dreispitz machen. Drei Spaziergänge habe ich für das Magazin „Radar“ der Christoph Merian Stiftung beschrieben.

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