Faszinierende Geschichten zur Geschichte einer Transformation

Der Multimedia-Walk „Freizone Dreispitz“ vermittelt faszinierende Einblicke in die Geschichte eines Areals in der Transformation vom abgeschotteten Freilager- und Gewerbegebiet zum hippen neuen Kunst- und Wohnquartier. Und führt dabei zu überraschenden Begegnungen.

Wisst Ihr, wie der bekannte hochprozentige jamaikanische Rum Coruba zu seinem Namen kam? Die freundliche Stimme auf dem Kopfhörer führt einen vom Haus der elektronischen Künste über den weitläufigen Platz zum Atelier-Trakt der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK). Folgsam halte ich mich an den Takt der Schritte, um den Zeitplan einhalten zu können und vor allem die Richtungsanweisungen des Dokumentartheater-Parcours nicht zu verpassen.

Nun also nach ein paar Zwischenstopps auf dem Platz rein in den Trakt und runter in den Keller, wo sich heute die Lager der HGK befinden. Aber um die Kunst von heute geht es nicht oder nur am Rande, sondern um die Vergangenheit des Gebäudes als Zoll-Freilager für Zigarren, Elektronik und Spirituosen wie eben Rum. In diesem Keller befindet sich ein eingemauerter Rum-Tank, wie der überraschend auftauchende ehemalige Freilager-Verwalter Mario Felix über Kopfhörer erklärt. Felix bietet ein Gläschen (verdünnten) Rum zum Trank.

Zum Rum-Trinken muss die Maske abgezogen werden, später untzer freiem Himmel darf sie in der Tasche verschwinden.

Und jetzt also die Antwort auf die Eingangsfrage: Coruba ist die Abkürzung für „Compagnie Rhumière de Bâle“. Das Gläschen gibt man dann unweit vom Ort der Übergabe an eine weitere Person ab, die zu den heutigen Nutzerinnen des Gebäudes gehört.

Nun aber genug verraten oder gespoilert, wie es auf Neudeutsch heisst. Der Walk lebt von überraschenden Begegnungen mit inhaltlichen Überraschungen, was hier nicht vorweggenommen werden soll. Und überhaupt sollte man ein Projekt nicht aufgrund einer Probe beurteilen, was hier geschieht (aber der Ablauf klappte perfekt, der Rezensent ist höchst angetan, so dass hier für einmal eine Ausnahme gestattet sei).

Also so allgemein wie möglich beschrieben: „Freizone Dreispitz“ ist ein treffliches dreidimensionales und multimediales Porträt eines Quartiers mitten im Transformartionsprozess und ein hintergründiges Stück Basler Wirtschafts- und Kulturgeschichte zugleich. Was rund um den gendrifiziert aufgemotzten (und abends noch etwas arg ausgestorben wirkenden) Freilagerplatz neue Vergangenheit ist, ist als Reminiszenz gleich daneben noch spür- und erlebbar.

Ein Hindu-Tempel zwischen Gewerbeschuppen und Lagerhallen.

Zum Beispiel in der Dreispitz-Kantine von Yvonne Jauslin – ein reizendes Beizlein, welches das Zeug zum Museumsstück hat, und in dem tagsüber neben den neuen Bewohnern und Nutzern noch immer die Lastwagenfahrer einkehren. Vorbei gehts an einem kürzlich erst geräumten Container-Umschlageplatz sowie an historischen Holzschuppen zu riesigen Lagerhallen. Und man trippelt angeleitet von der freundlichen Stimme immer wieder auf ausgedienten Güterbahn-Trassees zu neuen (Zwischen?-)Nutzungen wie einen Hindu-Tempel oder den Restmaterialien-Markt Offcut.

Auf der anderthalbstündigen Reise taucht man im Alleingang zu Fuss (und auf Rädern – mehr sei hier eben nicht verraten), begleitet von Stimmen über die Kopfhörer, von bewegten Bildern auf einem Tablet und nicht zuletzt von real auftauchenden Protagonisten der Vergangenheit und Gegenwart in immer wieder neue Welten ein. Welten, die vergehen oder vergangen sind, stehen solche gegenüber, die eben erst entstanden sind oder noch entstehen. Neben den Luxuslofts von Herzog & de Meuron und co. ragen gesichtslose moderne Lagerhallen empor, verströmen alte Holzschuppen einen Rest von Industrieromantik.

Dem Theaterlabel Recycled Illusions mit der Regisseurin und Texterin Isabelle Stoffel sowie der Dramaturgin Mona Petri ist mit „Freizone Dreispitz“ ein ebenso unterhaltendes wie lehrreich hinterfragendes Kunststück gelungen. Die Christoph Merian Stiftung, die das Projekt im Rahmen von „Dreispitz entdecken“ gefördert hatte, kann zufrieden sein. Und wird hoffentlich auch Lehren für die künftige Entwicklung daraus ziehen.

Premiere ist am 1. Oktober. Wer den Walk antreten will, muss sich einen persönlichen Time Slot sichern. Und sich vor allem beeilen, denn viele der Termine bis 18. Oktober sind bereits besetzt.

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