Dirty Gretel im Albtraum-Märchenwald

Bei „Kind“ des belgischen Tanztheaterkollektivs Peeping Tom trifft Anmut auf Trash und Poesie auf Horror, was alles ganz verstörend hinüberkommt und gleichzeitig ausgesprochen fesselt.

In diesem Wald ist Regen das kleinste Problem: Szenenbild aus „Kind“ von Peeping Tom. (Foto: Olympe Tits)

Schon der Name der Truppe besagt, dass hier kein Wohlfühltheater zu erwarten ist: Peeping Tom lehnt sich an den britischen Skandal-Thriller gleichen Namens von 1960 an, der Todessehnsüchte und sexuelle Neurosen zum Plot hat. Vor diesem Hintergrund lässt der Titel „Kind“ ganz sicher keine heile Welt erwarten.

So ist es denn auch. „Kind“ ist der dritte Teil einer Trilogie, welche die Abgründe der Familie zum Inhalt hat. Und Abgründe tun sich auch hier wieder auf, allein schon im Bühnenbild in der Reithalle der Kaserne Basel, das einen düsteren Märchenwald zeigt, der am Rand einer wuchtigen Felswand steht.

So in etwa könnte man sich den Wald in vielen der unheilvollen Grimm-Märchen vorstellen, in denen sich Hexen und Wölfe gute Nacht sagen und Kinder verschlingen. Nur dass hier das Kind nicht direkt zum Opfer wird, sondern gewissermassen unter den Einflüssen der verqueren Erwachsenenwelt selber zu einer Art Hexe generiert. Von einem Jäger angeregt, der soeben eine Outdoor-Aktivistin niedergestreckt hat, greift das Kind zur Flinte, schiesst noch und noch auf die bereits Erschossene, was diese in einen zuckenden Post-Totentanz taumeln lässt.

Diese Szene ist tänzerisch und emotional einer der stärksten Momente an diesem an starken Momenten reichen Abend. Die Choreografie (Gabriela Carrizo und Franck Chartier) und die stupende Körperlichkeit der Tänzerinnen und Tänzer sind im mehrfachen Wortsinn schlicht umwerfend. Die schräge Phantasie der Theater- und Tanzmacher sorgt während des ganzen knapp anderthalbstündigen Abends immer wieder für Momente, die einen als Zusehenden zum (von der Maske verborgenen) Staunen mit offenem Mund bringen.

Nur das mit dem Verstehen des Ganzen, dem Nachvollziehen und in diesem Fall auch Wiedergeben ist es so eine Sache. Da wird tiefenpsychologisch nach Albtraumbildern der Adoleszenz gegraben, Andeutungen reihen sich an symbolische Gemälde. Konfrintiert wird man mit Missbrauch und Gewalt – passiv und aktiv zugleich. Und das mit einer musikalischen Umrahmung, die Heavy Metal auf wunderbar von der ständig velofahrenden Kinderdarstellerin gesungenen Arien aus Wagners „Tristan und Isolde“ fügt.

Es ist, als hätte Quentin Tarantino nach einer Vorlage des belgischen Surrealisten René Magritte Grimms Märchen durch die Mangel gedreht. Faszinierend, verblüffend und unglaublich gut dargebracht.

So stark und verwirrend aufrüttelnd kann Tanz sein. Ein vielversprechender Auftakt der Saison 2020/21 in der Kaserne Basel.

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