Don Carlos im Spielzeugland

Diese Aufführung von Verdis „Don Carlos“ bleibt als musikalisches Erlebnis in durchaus guter Erinnerung. Ein nachvollziehbares Regiekonzept ist aber kaum zu erkennen.

Im Interview im Programmheft erwähnt Regisseur Vincent Huguet so ziemlich alles, was inhaltlich mit der Oper „Don Carlos“ in Verbindung gebracht werden kann: die albtraumhafte Familientragödie, die sich mit dem brutalen feudalistischen Weltsystem, dem politischen Freiheitsdrama und der Kritik an der Religion als Unterdrückungsmechanismus verstrickt. Huguet geht noch weiter, indem er auch noch die Frage nach Gottes Existenz und etwas Homosexualität ins Spiel bringt.

Dies alles klingt mehr oder weniger mit an diesem fast vierstündigen Abend (mit zwei Pausen). Dazu kommt das Bühnenbild von Altmeister Richard Peduzzi, das mit riesigen roten Bauklötzen und Baum-Schablonen wohl suggerieren soll, dass alle Figuren dieser in die Oper hineingetragenen Weltgeschichte nur winzige Spielfiguren irgendeiner höheren Ordnung sind.

Aber was für eine höhere Ordnung ist das? Diejenige der Inquisition?

Bei diesem Stichwort wären wir beim szenisch spannendsten Moment des Abends, wenn der brutale alte König Philippe mit dem noch brutaleren Grossinquisitor zusammen aushandeln, wem das letzte Machtwort gebührt. In dieser Szene ist nichts inszeniert, alles ist von der umwerfend düsteren Musik Verdis getragen.

Und hier wollen wir einbringen, dass das Sinfonieorcherster Basel unter der Leitung von Michele Spotti herausragend aufspielt. Dass alle Darstellerinnen und Darsteller mit wenigen Abstrichen gesanglich brillieren. Und dass der vielbeeschäftigte Theaterchor einmal mehr zu begeistern weiss.

Zurück aber zum szenischen Eindruck. Huguet inszeniert viel, schiebt die Figuren von links nach rechts und wieder zurück, lässt sie Mäntel und Schleier auf den Boden schmeissen und wieder auflesen. Da wird energisch geschubst und pathetisch an den Armen gezerrt. Doch von einer eigentlichen Regie ist wenig zu spüren.

Das wird augenscheinlich in der berühmten Szene des öffentlichen Inquisitionsgerichts im III. Akt. Die verurteilte Ketzerin wird wie ein Vögelchen in einen Käfig gesperrt und geht irgendwie vergessen, wenn Don Carlos mit den flämischen Gesandten auftritt, die wie Mitglieder eines verlausten Gefangenenchörli wirken. Unter geht auch der inhaltlich zugespitzte Vater-Sohn-Konflikt zwischen Philippe und Carlos. Die ganze Szene wirkt fahrig und unausgegoren, wie wenn der Regisseur nicht so richtig wusste, was er damit aussagen wollte.

Etwas Gutes hat dies aber auch – neben der bereits erwähnten hohen musikalischen Qualität des Abends. Als Zuschauerin oder Zuschauer kann man sich für einmal, ohne allzu viel zu verpassen, auf die Übertitel zum französischen Libretto konzentrieren. Und für einmal kann man sich in die Details einer Opernhandlung vertiefen, auf die man sich ansonsten doch ziemlich vorbereiten muss, weil man die gesungenen Worte doch nicht immer so gut versteht.

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