Ein wunderbar skurriler Abgesang auf das alte Studio auf dem Bruderholz

Thom Luz beschwört die Geister und den Geist des alten SRF-Studio Basel auf dem Bruderholz. Melancholisch, hintersinnig und einfach wunderbar.

Immer wieder begegnet man ihnen: den vier Musikern, die vom längst aufgelösten Unterhaltungsorchester Beromünster übrig geblieben sind. Wunderbar musizierend und singend geistern sie durch die langen Gänge des Studio-Campus auf dem Bruderholz, runter in den Hörspiel-Keller und wieder rauf in die Kantine, in Sendestudios oder in die Eingangshalle.

Die (richtigen) Radioleute sind vor vier Wochen in ihre neue topmoderne Studiofabrik im Meret Oppenheim Haus umgezogen. Die allermeisten zumindest. Ein paar sind geblieben. Oder sind es nur Geister aus der achtzigjährigen Geschichte des Studios am Ende der Basler Welt? „Ich bleibe. Ich sende weiter“, sagen sie. Obwohl sie konstatieren müssen, dass hier alles abgerissen wird. „Man muss es mit Humor nehmen. Leider.“

Thom Luz, der grosse Meister der theatralen Zwischenwelten, hat sich dem Studio angenommen, das wie aus der Zeit gefallen scheint. „Radio Requiem“ nennt er sein Projekt. Es ist ein skurriler, ein geheimnisvoller, nostalgischer und höchst melancholischer Abgesang auf das Studio und auf ein Radio, wie es einst war, als Konvergenz und Quoten noch nicht die bestimmenden Schlagworte waren.

Liebevoll-ironische Reverenz

Das Studio ist verlassen, das Echo der Geschichte aber ist geblieben. Überall rauscht, wispert und brummelt es.

Luz hat Tondokumente ausgegraben, die es offenbar nicht ins Archiv am neuen Standort geschafft haben. Er erweist aber auch auf hintersinnige und liebevoll-ironische Art Reverenz auf noch existierende Sendungen, die eigentlich so gar nicht in unsere von Infotainment geprägte Medienwelt passen. Auf „Diskothek“ auf SFR 2 zum Beispiel, wo Spezialisten verschiedene Aufnahmen einer klassischen Komposition sezieren. Herrlich, wie sich das Expertentrio (Lisa Stiegler, Evelyne Gugolz und Urs Peter Halter) akademisch schwurbeld über ein musikalisches Geschwurbel auslässt, bis sich der Moderator (Mario Fuchs) mit den Worten „dieses Gespräch führt zu nichts“ aus dem Staub macht.

Oder er lässt die Zuschauerinnen und Zuschauer in kleinen Gruppen durch die Hörspielwelt im Untergrund führen. Dort, wo Geräusche noch analog fabriziert wurden, mit echten Kieswegen, freistehenden Türen, handbetriebenen Windmaschinen und Treppen aus Holz, Metall und Beton. Diese Studioräume sind in der digitalen Multimedia-Gegenwart an und für sich schon eine skurrile Reminiszenz an eine längst verlorene Zeit. So wie sie hier präsentiert werden, bekommen sie eine geradezu magische Aura, erwecken sie Sehnsüchte nach der Zeit, als Menschen mit Hand und Fuss und noch nicht Computer fiktionale Welten erschaffen haben.

Es ist die Welt, die das Theater trotz aller multimedialen Einsprengsel, die es auch bietet, noch immer prägt. Bei „Radio Requiem“ kann dieses Theater einmal mehr und auf wunderbar-wunderbare Weise zeigen, wie einzigartig es als Kunstform ist.

Theater Basel: „Radio Requiem“, eine begehbare Rauminszenierung von Thom Luz. In Kooperation mit SRF.

Ein Gedanke zu “Ein wunderbar skurriler Abgesang auf das alte Studio auf dem Bruderholz

  1. Ich war bei der „allerletzten“ der Sendunegen aus dem Studio Basel dabei. Ein historischer, wehmütiger aber auch ergreifender Moment. Es gab diese letzte aller Sendungen vor Ort schon zwei Mal in Basel. 1939 im Margarethenpark und 1927 im Bahnhof. Auch damals…
    Bei aller Nostalgie! Gut ist, dass es weiter geht, wieder am Bahnhof, immer noch aus Basel und hoffentlich immer weit genug, um den Spirit des Service Public hochzuhalten . Thom Luz‘ Radio Reqiem ist zum Glück (noch) nicht das letzte… Geschichte & Zukunft in einem!
    Niggi Ullrich, SRG Region Basel

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