Das Theater Basel dramatisierte Fleur Jaeggys Novelle „Die seligen Jahre der Züchtigung“. Der dichten Erzählung wird der Abend auf der Kleinen Bühne nicht ganz gerecht. Aber vor allem Bärbel Schwarz als Ich-Erzählerin und die stimmungsvoll eingesetzte Musik sorgen dennoch für einen überaus sehenswerten Theaterabend.

„Im Appenzell kann man nicht anders, man muss spazieren gehen“, heisst es zu Beginn des Abends. Doch spaziert wird in der Inszenierung von Anne Haug und der Bühnenfassung des Ensembles nicht, auch das Appenzell schimmert nur durch die Tracht der Institutsleiterin und die Musik durch. Der schwarze Bühnenraum von Moïra Gilléron ist vielmehr ein Gefängnis einer durch und durch konservativen Welt. Am Bühnenhimmel kreisen weisse transparente Totenhemdchen und -höschen wie geisterhafte Symbole der verlorenen Lebensfreude der Mitschülerinnen.
In diesem von der Autorin Fleur Jäggi beschriebenen Internat für Mädchen aus gehobenem Hause lebt das auch in der Prosavorlage namenlose Mädchen, das bereits eine lange Internatskarriere hinter sich hat. XX, so wird sie im Programmzettel (und auch in der Prosavorlage) genannt, ist ein von der wirklichen Welt abgeschottetes ausgebranntes Wesen. Nur ab und zu bricht sie aus ihrem stoischen Dasein aus, indem sie wie in einem Wutanfall auf zwei Holzlöffeln herumschlägt, die sie aus ihren Hosentaschen zieht.
Das ändert sich, als Frédérique ins Internat eintritt. Sie entspricht dem Perfektionsverständnis der gestrengen Institutsleitern Frau Hofstetter, kann das Baudelaire-Gedicht spielend auswendig aufsagen, ist immer einwandfrei gekleidet, legt ihre Kleider mustergültig zusammen, ist aber sonst so blutleer, als wäre sie ein Roboter. Und doch zieht Frédérique XX in ihren Bann, sie imitiert die neu Angekommene, will von ihrem „Idol“ beachtet und geliebt werden.
Beeindruckende Bühnenpräsenz
Bärbel Schwarz füllt die Ich-Erzählerin aus der Novelle mit viel körperlicher Verve und famoser Spiellust aus. Wenn sie mit ihrem zerknitterten Gesichtsausdruck in die Leere blickt, wird die Grabesstimmung des Internats psychisch und physisch erleb- und nachvollziehbar. Ihre Wutausbrüche am Schlagzeug und am Kontrabass sind mitreissend. Ihre beeindruckende Bühnenpräsenz trägt den eine Stunde und 35 Minuten langen oder kurzen Theaterabend in einem gehörigen Mass.
Als ihr Gegenüber bleibt Elmira Bahrami als Frédérique auf seltsame Weise rätselhaft entrückt; als wäre sie eine der Puppen, die im Originaltext beschrieben werden, in der Dramatisierung aber nicht vorkommen. In der Inszenierung von Anne Haug bleibt sie blutleer, so dass nur schwer nachvollziehbar ist, wie XX auf die Idee kommen könnte, sie so innig zu lieben und erobern zu wollen. Nur in einer stillen Szene, in der sich beide in Nacht-Strampelhöschen gegenüberstehen, kommt ein Hauch an erotischer Spannung auf. Auch Autorin Fleur Jaeggy deutet diese nicht ganz von einem sexuellen Verlangen befreite Hinwendung nur an, aber letztlich doch um einiges deutlicher les- oder zumindest interpretierbar.
Bleibt Dominic Hartmann als gestrenge Heimleiterin Frau Hofstetter, die trotz ihres unterwürfigen Frauenverständnisses, das sie wiederholt deklamiert, ihren Ehemann, der als Musiker präsente Lucius Schuler, so etwas von derb unter der Knute hält. Der gut einen Meter neunzig grosse Hartmann stellt in seinem oder besser ihrem Auftreten als eine selbstentsagende Person und in einem gefährlich still züchtigenden Auftritt den Rahmen des eigentlich nicht vorhandenen Plots. Schade nur, dass sein/ihr in einem stillen und diffusen Schweizer Akzent vorgetragener Text oftmals nicht gut verständlich ist, so dass man immer wieder einen Blick auf die englischen Übertitel werfen muss. Gut das es diesen gibt.
Unter dem Strich überzeugt der Theaterabend durch ein sehr konzentriertes Setting, mit vielen spannungsvollen Leerstellen, die mit den fulminanten musikalischen Einlagen mit Jodel- und Jazz-Elementen kontrastieren. Als Zuschauer und Zuschauerin lässt man sich gerne mittragen. Und vielleicht fühlt man sich wie ich angetan, im Nachhinein den eben erst neu auf Deutsch aufgelegten Preosatext Jaeggys zu lesen. Das lohnt sich absolut.
„Die seligen Jahre der Züchtigung“ nach Fleur Jaeggy. Kleine Bühne Theater Basel
