Dem Theater Basel gelingt mit der Schweizerischen Erstaufführung der Oper „Fin de partie“ von György Kurtág eine Parforceleistung – musikalisch und szenisch.

Was für ein Setting, das Samuel Beckett uns und dem Komponisten hinterlassen hat. Es ist Endzeit. Vier Menschen sind übriggeblieben, also zumindest das, was von ihnen noch vorhanden ist: Hamm ist blind und gelähmt, sein Diener Clov kann noch einigermassen stehen und gehen, aber nicht sitzen. Dazu kommen Hamms Eltern Nell und Nagg, denen bei einem Fahrradunfall die Unterleibe abhanden gekommen sind und die nun ihr jämmerliches Dasein in Mülltonnen fristen müssen – alle einander in untrennbarer Hassliebe verbunden.
Der gerade hundert Jahr alt gewordene ungarische Komponist György Kurtág hat Becketts absurd-schaurige Clownerie „Fin de partie“ zu seiner einzigen Oper verarbeitet. Wer nun aber meint, dass sich der grosse Meister der musikalischen Miniaturen zur opulenten Bühnenmusik aufgeschwungen hat, irrt. Obschon im Graben ein grosses Orchester anwesend ist, bleibt die Musik bei ihren klanglich verknappten Miniaturen, mit präzisen Einsätzen und überraschenden Wechseln der Instrumentaleinsätze.
Das entwickelt über die Dauer von zwei Stunden einen dystopisch hypnotischen Sog, der dem schaurigen Setting der eigentlich handlungslosen Geschichte eines Endes ohne Ende durchaus gerecht wird, wenn auch dem von kurzen Dialoggefechten geprägten Text von Becketts Vorlage einiges auf der Strecke bleibt. Kurtág hat sich über weite Strecken auf die längeren Monologe aus dem Stück beschränkt.
Faszinierendes Bühnenbild
Regisseur David Marton hat die von Beckett in einer Art Schutzraum verbannte Szenerie auf eine verfallene Dachlandschaft versetzt, hinter der die Skyline einer offenbar ausgestorbenen Stadt zu erblicken ist. Nall und Negg vagabundieren nicht in Mülleimern, sondern wachsen aus den Sitzflächen des Sofas empor, auf dem Hamm gefangen ist. Es ist ein Bühnenbild (Márton Ágh), das im Detail zu betrachten alleine schon den Gang ins Theater lohnt. Und man hat viel Zeit dazu, denn Actionmomente gibt es an diesem Abend nicht.
Mehr noch als bei Beckett ist Hamm die zentrale Figur in diesem Setting. Gefangen in seinem Dasein, in dem er nichts sehen, in dem er sich nicht bewegen kann, bleibt ihm nichts mehr übrig als das Hadern mit seinem Schicksal und das Sticheln gegen seinen Diener und die Eltern. Wiederholt kritzelt er mit einem in der Faust gehaltenen Stift Striche auf Papiere, die der Diener Clov einsammelt und in einem Koffer verstaut. Clov beschäftigt sich ausserdem in einer depressiven Endlosschlaufe damit, Erinnerungsstücke aus der Welt zuvor zusammenzutragen: eine Armee-Uniform, Kameras, Filmstreifen, Büsten von Philosophen und ähnliches mehr. Wiederholt kündigt er an, gehen zu wollen, was er aber nicht tut.
In der ganzen vergrämten Boshaftigkeit der Figuren lässt Kurtág hin und wieder intime, ja fast zärtliche Klangmomente aufleuchten. Der Begriff Hassliebe beinhaltet ja auch das Wort Liebe. Herr und Diener können nicht miteinander, aber letztlich auch nicht ohne einander existieren.
„Fin de Partie“ ist eine Herausforderung für das Publikum, aber vor allem für die Protagonistin und die Protagonisten sowie das Orchester. Die vier Solistinnen und Solisten – allen voran Nathan Berg in der Monsterpartie des Hamm – sowie das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Gábor Káli meistern diese wahrlich nicht einfache Aufgabe auf formidable Weise.
Etwas irritierend ist einzig die Schlussszene, in der Regisseur Marton einen Knaben auftreten lässt. Ist doch nicht alles am Ende, zeichnet sich hier ein Neubeginn ab? Ist es allzu viel Interpretation, wenn man auf den Gedanken kommt, dass der ungarische Regisseur am Wahlabend in seinem Heimatland einen Neubeginn heraufzubeschwören versuchte? „Fin de partie“ für Viktor Orban? Wie auch immer. Wenn es denn ein impliziter Wunsch gewesen sein sollte, ging er auf.
