Hier darf man alles dürfen

Das Theater Basel legt mit der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill einen spektakulären Saisonstart hin, der das Publikum vor allem im ersten Teil doch etwas gar nahe an den Rand des Aufmerksamkeitsvermögens bringt.

Ob man nun will oder nicht, man wird als Zuschauerin, als Zuschauer Teil des wüsten Geschehens. Alles beginnt im weitläufigen Foyer des mittlerweile 50 Jahre alten Stadttheaterbaus; hier wird die Stadt Mahagonny gegründet. Eigentlich ein Akt, der mitten in der menschenleeren Wüste spielt, hier aber wird die Stadt – angetrieben vom forschem Mezzosopran der Witwe Begbick (Jasmin Jorias) – über uns alle übergestülpt. Wer will, kann sich ein buntes Kostüm greifen (oder sich eines aufdrängen lassen), kann einen Sekt kaufen (etwas Geduld lohnt sich, denn die Preise sinken deutlich mit der Zeit) und schon wird man zum Teil der wachsenden Einwohnerschaft von Mahagonny.

So reizvoll dieses Setting ist, so bringt es auch Probleme mit sich. Die Protagonistinnen und Protagonisten huschen zum Teil im Höllentempo von einem Ort zum andern, im Foyer, vor dem Theater und auf der noch abgeschotteten Bühne, sodass sie oftmals aus dem Blickwinkel verschwinden und stetig verfolgt von Kammeraleuten nur noch als Live-Projektion auf einem der vielen Leinwänden im Foyer zu sehen sind. Etwas seltsam mutet auch an, dass das auf der noch verschlossenen Bühne live aufspielende Sinfonieorchester nur über Lautsprecher zu hören ist – allerdings lediglich im ersten Teil des gut zweistündigen Abends.

Das hat zur Folge, dass ein grosser Teil der Zuschauerinnen und Zuschauer sich nicht an den vorgesehenen strukturellen Ablauf des Abends hält, zu früh in den Theatersaal strömt und auf den eigentlich abgedeckten Sitzen des Zuschauerraums Platz nimmt. Dies hat wiederum zur Folge, dass man dem Geschehen, das sich wiederum ins Foyer verlagert, ebenfalls nur über die Leinwände folgen kann.

Unterhaltung mit Anstrengung verbunden

Kurz: Der Abend verlangt auch den Zuschauerinnen und Zuschauern einiges ab – von den Protagonistinnen und Protagonisten erst recht. Aber es war ein bewusster Entscheid des regieführenden Theaterdirektors Benedikt von Peter, hier vom bürgerlichen Stadttheaterprinzip abzuweichen: den Mantel an der Garderobe abgeben und sich gemütlich und in stattlicher Entfernung zum Geschehen in den Zuschauersessel fallen lassen (und womöglich auch mal sanft entschlummern) liegt hier nicht drin. Als Teil des bösen Sündenpfuhls Mahagonny ist die Unterhaltung auch mit etwas Anstrengung oder Leid verbunden. Das passt zu Brecht/Weill, welche die Illusion, „dass man hier alles dürfen darf“ (nur nicht, kein Geld zu haben) als Abrechnung mit dem Kapitalismus mit lustvollem Sarkasmus zerpflücken.

Auch im zweiten Teil des Abends – die Stadt Mahagonny wurde von einem schrecklichen Hurrikan heimgesucht – bleib man als Zuschauerin, als Zuschauer mittendrin im Geschehen. So wird man nach dem zerstörerischen Unwetter auf ein Matratzen-Notlager auf der Bühne geführt („Wie man sich bettet, so liegt man …“), von wo aus man dem Niedergang der Stadt folgen kann, in der es keine Liebe, sondern nur Prostitution gibt, in der Mord zum Freispruch führt, Geldmangel aber die Todesstrafe zur Folge hat.

Man bleibt nahe am Geschehen und an den Protagonistinnen und Protagonisten sowie dem sehr präsenten Chor, die sich mit überwältigender Energie und Leidenschaft ins Zeug legen. Allen voran Rolf Romei als Holzfäller Jim Maloney, Jasmin Jorias als zynische Witwe Begbick, Solenn‘ Lavanant Linke als die Prostituierte Jenny Hill und Andrew Murphy als bösartiger Boxer Dreieinigkeitsmoses. Sie und auch die restlichen Sängerinnen und Sänger lassen auch stimmlich kaum Wünsche offen und meistern Weills kompositorischen Parforceritt zwischen lyrischen Arien, Sprechgesang und Jahrmarkt-Gassenhauer aufs Beste.

Sie alle wurden auch wie das von Stefan Klingele dirigierte und fulminant aufspielende Sinfonieorchester Basel mit kräftigen Applaus bedacht. Ebenso das künstlerische Leitungsteam rund um Regisseur Benedikt von Peter, der sich den sinnigen Leitspruch von Mahagonny „vor allem aber achtet scharf, dass man hier alles dürfen darf“ bei der spektakulären Inszenierung zu eigen gemacht hat.

Ein Gedanke zu “Hier darf man alles dürfen

Hinterlasse einen Kommentar