„Turandot“ in Basel frenetisch gefeiert

Das Basler Theaterpublikum feierte die Inszenierung und die musikalische Wiedergabe von Giacomo Puccinis „Turandot“.

Am Schluss gab es stehende Ovationen für die Sängerinnen und Sänger, den Chor, den Dirigenten und das Orchester. Und für den Regisseur des Abends, Christoph Loy, der zusammen mit Ausstatter Herbert Murauer und Lichtdesigner Thomas Kleinstück das Schauermärchen rund um die mordende Prinzessin Turandot zwar nicht neu erfunden, so aber doch subtil vom Staub der kolonialistisch angehauchten Aneignung befreit hat.

Die Geschichte der Oper ist schnell erzählt: Turandot lässt alle ihre Verehrer sprichwörtlich ins offene Messer respektive Henkersbeil laufen, weil sie ewige Rache an den Untaten walten lassen will, die einer ihrer Vorfahrinnen widerfuhren. Die eiskalte, aber schöne Frau konfrontiert die heiratswilligen Prinzen und Fürsten mit drei kaum zu lösenden Rätseln und lässt sie hernach köpfen. Bis der flüchtige Print Calàf die Rätsel löst und die sich nach wie vor störrisch abweisende Prinzessin im Gegenzug selber mit einem Rätsel konfrontiert. Wenn sie seinen Namen herausbekomme, würde er sich hinrichten lassen, so das Versprechen. Schliesslich opfert sich aber die den Prinzen heimlich liebende Sklavin Liù, indem sie sich mit einem Suizid der Folter um des Namens Willen entzieht.

Puccini hat das persische Märchen nach China disloziert und sich auch musikalisch der fernöstlichen Tradition bedient. Das wird in den Zeiten der Political Correctness da und dort als heikel empfunden, so heikel, dass gewisse Openthäuser wie die Metropolitan Opera in New York die Aufführung mit einer Triggerwarnung versehen hat. Das Theater Basel hat dies nicht nötig, weil Christoph Loy einen Zugang gefunden hat, wie die Geschichte ohne rassistische Stereotype erzählt werden kann.

Ohne gekünstelte Rechtfertigung

Dabei verzichtet er darauf, dem Märchen eine gekünstelte Rechtfertigung aufzuzwingen. Er verzichtet bis auf die berühmte Rätselszene auch auf folkloristische Prunkbilder, sondern lässt die emotionsgeladene Handlung in einem kolonialistischen Rahmen spielen. Und er verzichtet auf den nachkomponierten Abschluss der Oper, die der todkranke Puccini selber nicht mehr vervollständigen konnte. Er lässt die letzten Oper des Komponisten aber mit der Schluss- und Sterbeszene des früher entstandenen Werks „Manon Lescaut“ enden, was erstaunlich gut funktioniert.

Bis auf die bitterbösen Clownerien der drei Höflinge Ping, Pong und Pang (solche Namensgebungen sind heute wohl nur noch an Zürcher Zunftabenden oder im Oval Office zu vernehmen) verzichtet Loy weitgehend auch auf emotionsüberladene Gesten, ohne die Leidenschaft, die Brutalität und den Schrecken der Handlung zu unterdrücken. Er vertraut auf die Kraft der Musik, was zuweilen etwas, aber letztlich nicht zu statisch wirkt.

Und diese Kraft der Musik ist auf der Bühne in besten Händen und Kehlen. Miren Urbieta-Vegas Sopran führt den Hass und die Wut der Titelfigur mühelos in die höchsten Töne, wobei sie gleichzeitig auch leisere Zweifel an ihrem schauderhaften Tun und in der Manon-Schlussszene auch Verzweiflung und Liebe erhören lässt. Der Tenor Rodrigo Porras Garula begeistert nicht nur, aber gerade mit der Nonplusultra-Wunschkonzert-Arie „Nessun dorma“. Mané Galoyan erweist sich als Besetzung von Liù ebenso als Glücksgriff wie Sam Carl als entthronter Tatarenkönig Timur. David Oller, Ronan Caillet und Lucas van Lierop dürfen als Ping, Pang und Pong von Herzenslust ihr Spiel treiben, ohne dass das Gesangliche darunter leidet. Und schliesslich bauscht sich der durch den Extrachor verstärkte Theaterchor zur bombastisch überwältigenden Gesangsmasse auf, die mit der Basler Knabenkantorei ein feineres Gegenüber hat.

Bombastisch und auch in den leiseren Tönen präzis und leidenschaftlich spielt das in grosser Besetzung angetretene Sinfonieorchester Basel auf. Dirigent José Miguel Pérez-Sierra hat die Partitur vorzüglich im Griff, was vom Publikum entsprechend gefeiert wurde.

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