Schändung, Sühne, Rock’n’Roll auf der Bühne

Lola Arias versucht zusammen mit einem sechsköpfigen Ensemble das Unmögliche, nämlich das Thema Vergewaltigung auf der Bühne zu verhandeln. Das Resultat ist ein packender Abend, der viele schwierige Fragen aufgreift.

Das Theater Basel versieht die Aufführung «Die Schändung der Lucretia: Ein Casting» im Schauspielhaus mit der Triggerwarnung, dass hier aufwühlende Themen der sexualisierten Gewalt verhandelt würden. Entsprechend fühlt man sich schon fast bemüssigt, bei der Besprechung des Projekts der argentinischen Theatermacherin Lola Arias dasselbe voranzustellen, denn was auf der Bühne zur Sprache kommt, ist schwer zu ertragen.

So schildert die non-binäre Autorenperson Laura Leupi eine Schändung durch den einst geliebten Partner. Er «habe sie gefickt, wie er sich selber im übertragenen Sinne gefickt gefühlt habe», habe er gesagt. Leupi habe dies lange verdrängt, sei mit ihm zusammengeblieben, und habe das schreckliche Erlebnis erst später in einem Buch mit dem Titel «Das Alphabet der sexualisierten Gewalt» verarbeitet.

Die südafrikanische Künstlerin Ntndo Cele erzählt von einer Verschleppung nach einer Party, einer versprochenen Fahrt nach Hause, die in eine Vergewaltigung unter Morddrohung mündete. Der Mann habe ihr danach gesagt, dass er regelmässig auf diese Art Frauen abschleppe.

Die Schauspielerin Barbara Colceriu gibt eine Geschichte wieder, wie sie sich nur durch einen Tritt in den Unterleib eines übergriffigen Mannes an einer Tramstation  habe retten können – und durch einen langen Spurt in die Sicherheit.

Und Schauspieler Julian Anatol Schneider sinniert darüber nach, wo und wann er als Mann vielleicht doch einmal einen Schritt zu weit gegangen ist, während Phil Hayes sich aus der Verantwortung rettet, dass Sex in seiner Adoleszenz in einem evangelikalen Umfeld eh lange kein Thema gewesen sei.

Shakespeares Versdichtung als Ausgangspunkt

Diese Schilderungen sind eine, wenn auch die aufwühlendste Facette des Abends, der William Shakespeares Versdichtung «The Rape of Lucrece» oder auf Deutsch: «Die Schändung der Lucretia» zum Ausgangspunkt hat. Darin wird die in der bildenden Kunst und Dichtung vielfach wiedergegebene Geschichte der Römerin Lucretia nacherzählt, deren widerwärtige Vergewaltigung durch den Königssohn Tarquinius, um 500 v. Chr., zu dessen Verbannung und zur Gründung der römischen Republik geführt hatte. Lucretia nahm sich, nachdem sie sich der Rache für das an ihr vergangene Verbrechen sicher war, das Leben, damit sich künftig keine untreue Frau auf ihr Schicksal berufen könne.

Das Schicksal der Lucretia wird nun aber nur am Rande szenisch angetippt – die Vergewaltigung wird auf der Bühne nur ansatzweise gezeigt. Die argentinische Dokumentartheater-Regisseurin führt den Stoff zusammen mit dem ausserordentlich mutig und fesselnd präsenten Ensemble auf die Metaebene. Am Anfang steht das Casting zu einem fiktiven Projekt zu Shakespeares Gedicht. Der Casting-Verantwortliche (Phil Hayes) will wissen, warum und für welche Rolle sich die potentiellen Darstellerinnen und Darsteller bewerben. Julian Anatol Schneider möchte endlich mal eine böse Figur darstellen, sagt er. Laura Leupi ist nicht am Part der Vergewaltigten interessiert – «ich will nicht das Opfer spielen, das hatte ich schon», ebenso Ntando Cele.

Ausladendes Potpurri der Stile und Ebenen

Mit der Zeit entfaltet sich das Projekt zu einem ausladenden Potpurri der Stile und Ebenen. Mit viel Live-Musik – das Ensemble beeindruckt instrumental und gesanglich unter der Leitung von Rock- und Pop-Tausendsassa Elia Rediger. Mit Elementen des Dokumentartheaters und  einer Rockoper, mit märchenhaft abhebenden Einschüben, mit Sequenzen eines politischen Themenabends oder Aussagen, die aus einer Psychotherapie-Sitzung stammen könnten. Und das alles in einer multifunktionalen Szenerie, die von zwei kammerartigen Spielebenen im Hintergrund – einem WG-Schlafzimmer und einem Castingbüro – immer wieder auf die persönliche Ebene heraustretende Vorbühne wechselt.

Das alles mag in dieser Beschreibung vielleicht etwas wirr erscheinen, aber Regisseurin Arias und das Ensemble verweben das sprunghaft wechselnde Geschehen in ein sich szenisch und inhaltlich stimmig zusammenfügendes Ganzes.

«Die Schändung der Lucretia: Ein Casting» lotet bewusst die Grenzen des Theaters aus. Es wird keine durchgehende Geschichte erzählt, es gibt einen Anfang, aber keine inhaltliche Entwicklung der Darstellenden, das Ganze führt nicht zu einer Moral, weil die eh schon von Beginn weg feststeht. Es ist ein Abend, der einfach dokumentiert. Aber dies auf solch fesselnde Art und Weise, dass man von der ersten Sekunde an eine Stunde und 50 Minuten schier atemlos vom Gezeigten gepackt bleibt.


Dieser Text erschien in der „bz Basel“.

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