Die Basler Ballettcompagnie begeistert beim Doppelabend „New Works“ mit Choreografien von Anne Jung und Lilit Hakobyan im Schauspielhaus.

Wer ins Theater geht, kann sich aufrütteln und berühren lassen, sich vielleicht auch mal nerven oder langweilen – und etwas lernen. Zum Beispiel, dass Anfang des 16. Jahrhunderts in Strassburg – also nicht weit von Basel entfernt – eine Tanzwut losgebrochen sein soll. Damals sollen viele hundert Menschen grundlos zu tanzen angefangen haben, ist aus dem Programmzettel des Doppel-Ballettabends zu erfahren.
Auf diese Tanzwut beruft sich der zweite Teil des Abends – über den sich niemand genervt oder gelangweilt hat, was vorauszuschicken ist. „The Urge“, auf deutsch „Der Drang“, nennt Lilit Hakobyan ihre Choreografie. Zu sehen ist ein schwarze eingekleideter Menschenknäuel, der zu Beginn wie ein aufgeschrecktes Riesen-Insekt wirkt. Aufgepeitscht von den den Acid-Jazz-Rhythmen von Sounddesigner Samuel van der Veer entwirrt sich der Knäuel, energiegeladen lösen sich sich die Tänzerinnen und Tänzer, brechen in taumelhafte Pirouetten- bis Breakdance-Einlagen aus, um sich dann in höchster Präzision wieder in die Masse einzufügen.
Ein wahres Tanzfeuerwerk
Zu erleben ist ein wahres Tanzfeuerwerk, ein ebenso rauschhafter wie berauschender Bilderbogen, der einem auch als Zuschauer oder Zuschauerin beinahe den Atem verschlägt. Für inhaltliche Interpretationen – von denen gäbe es viele – bleibt da kaum Zeit. Man bleibt an der überbordenden choreografischen Abfolgen kleben. Und begeistert nimmt man zur Kenntnis, welch grandioses Ensemble der neue Basler Ballettchef Marco Goecke da zusammengebracht hat.
Das zeigt sich auch im ersten Teil des Ballettabend bei der Choreografie mit dem Titel „Éphémère“ („Flüchtig“). Auch Anne Jung schafft eindringliche Bilder, wenn auch auf weniger tanzwütige Art. Die Szenerie erinnert an das Erwachen aus oder besser in einem Traum: Aus dem Bodennebel taucht eine Tänzerin empor, deren Körper sich im Spiegelhintergrund verdoppelt, so dass man zu Beginn nicht sicher ist, ob da eine oder zwei Personen sich aus der Eingelulltheit des Nebels befreien.
Wogen zwischen Liebe und Kampf
Ein sich zum Sturm aufbauschender Wind im hypnotischen Soundteppich von Kirill Richter vertreibt den Nebel und weitere weiss gewandete Tänzerinnen und Tänzer erwachen, richten sich auf, finden zueinander und distanzieren sich wieder. Es entstehen wunderbar choreografierte zwischenmenschliche Konstellationen, aus vorzüglich getanzten Pas de deux, werden Pas de trois, bis eine der Beteiligten wie im Flug wegschwebt beziehungsweise weggeworfen wird und die in den Armen eines anderen wiederfindet. Die Grenzen zwischen Liebe und Kampf verschwimmen.
Mit Anne Jung und Lilit Hakobyan sind für diesen Ballettabend zwei Choreografinnen am Werk, die ein grosses Faible am Kreieren von bewegten Bilderbogen unter Beweis stellen. Der Ballettabend fesselt und packt. Er ist einehmend und weckt grosse Erwartungen auf das, was dieses wunderbare Ensemble weiter zeigen wird.
