Die letzten Tage der Menschlichkeit

Regisseurin Karin Henkel und ein packend aufspielendes Ensemble verweben Ödön von Horváths Dramenklassiker „Kasimir und Karoline“ und „Glaube Liebe Hoffnung“ zu einem bitterbösen Panoptikum der Unmenschlichkeit.

Die Bühne ist ein monströses digitales Labor, eine Art Computertomographie-Röhre, in der die bösartigen Geschwüre der Menschheit gemessen und aufgedeckt werden. Diese Röhre durchschreitet zu Beginn des Abends Elisabeth, ein zerbrechliches Wesen im weissen Nacht- oder Totenhemd. „Ich hab den Kopf nicht hängen lassen“, sagt sie, die alles verloren hat. Und: „Jetzt habe ich genug.“ Sie zieht ihre Schuhe aus und geht – pantomimisch und von glucksenden Geräuschen begleitet – ins Wasser. Sie wird gerettet, ohne dass es zur Rettung kommt.

Der Theaterabend „Kasimir und Karoline beginnt mit dem Ende Dramas „Glaube Liebe Hoffnung“, das hier mit „Der Tanz mit dem Tod“ umschrieben wird. Elisabeth kämpft in der schlimmen Wirtschaftskrise der Weimarer Republik um ihre Existenz. Alles driftet in dieser mitleidlosen Welt unweigerlich in den Abgrund und letztlich, wie wir rückblickend ja wissen, zum Nationalsozialismus. Glaube Liebe Hoffnung bleiben zynischer Hohn.

Von der ersten Reihe des Zuschauerraums der Grossen Bühne des Theater Basel aus schauen die Protagonistinnen und Protagonisten des zweiten Stücks, „Kasimir Karoline“, dem tragischen Treiben zu, als sässen sie in einem Monstrositäten-Kabinett eines Jahrmarkts – genauer des Münchner Oktoberfests, das den Rahmen des Dramas abgibt, zu dem es später kommen wird. „Das Elend der anderen zu sehen. Danach geht’s mir immer besser“, sagt Karoline, die zweite tragende Frauenfigur in Horváths Kosmos der Verliererinnen und Verlierer.

Im Computer-Labor der Menschlichkeit. (Foto: Ingo Höhn)

Die die beiden in den 1930er-Jahren entstandenen Stücke miteinander zu verbinden beziehungsweise zu verweben, sorgt zwar dafür, dass es ein langer Theaterabend wird – über drei Stunden dauert er -, ist aber eine überaus schlüssige Idee. „Kasimir und Karoline“ zeigt die kleinbürgerliche Welt vor dem Abgrund: Das Liebespaar Kasimir und Karoline lebt sich auseinander. Kasimir ist es als „abgebauter“ Chauffeur in seinem gereizten Selbstmitleid nicht nach Gaudi zumute, während sich Karoline, die ihren Job im Büro noch hat, allen Umständen zum Trotz amüsieren will. Da nimmt sie sogar in Kauf, in die Hände des widerwärtigen Kommerzienrats Rauch zu fallen, während Kasimir die Karriere eines Kleinkriminellen einschlägt.

Spiel am Rande des Abgrunds

Auch wenn sich Karoline am Schluss ihrer Geschichte in einem Akt der Selbstsuggestion – „es geht immer besser, besser besser“ – selber zu betrügen versucht, zeigt das parallel gespielte Schicksal der Elisabeth die Welt am Abgrund, demonstriert, wie es herauskommen kann oder wird: in die verzweifelte Flucht in den Suizid.

Die Inszenierung von Karin Henkel konfrontiert damit plakativ-pathetische Versatzstücke des Elends im Totentanz von „Glaube Liebe Hoffnung“ mit den sachlich-rationalen Dialogszenen von „Kasimir und Karoline“. Manchmal sieht man die Endzeit-Clowns von Samuel Beckett vor sich, ein anderes Mal glaubt man sich dem kalten sozialkritischen Realismus von Georg Büchners „Woyzeck“ gegenüber.

Fulminant aufspielendes Ensemble

Dass dies aufgeht und berührt, ist dem grandios aufspielenden Ensemble zu verdanken. Gala Othero Winter zielt als Elisabeth in ihrem aussichtslosen Kampf gegen ihr Verderben mitten in die Herzen des Publikums – mit viel Pathos, aber ohne Sozialkitsch. Marie Löcker berührt als ihr Gegenpart Karoline durch ihr trotziges Festhalten an der Illusion eines lebenswerten Daseins. Sven Schelker schafft die Balance zwischen dem bemitleidenswerten Schicksal des Ausgestossen und sich im Sumpf des Selbstmitleids suhlenden Kerls zu halten. Fabian Dämmich, Andrea Bettini, Carina Braunschmidt und Jörg Pohl gelingt es, ihre sehr wohl plakativ angelegten Nebenparts – Pohl verkörpert gleich ein halbes Dutzend davon – so stringent umzusetzen, dass sie nicht in die Karikatur abrutschen.

Und da ist noch das Bühnentier Martin Wuttke, der sich in seinem Konglomerat zahlreicher Nebenrollen zum beinahe omnipräsenten mephistophelischen Narr aufschwingt, der sich immer wieder mit zynischen Kommentaren auch direkt ans Publikum richtet und dafür einmal auch einen Szenenapplaus einheimsen kann.

Das Spiel zwischen Pathos und Realismus wird vom Bühnenbild (Thilo Reuter) aufgenommen, das als nahezu organisches Element zeigt, zu was die Maschinerie des Theaters alles fähig ist. Für die kammerspielartigen Szenen, zum Beispiel im Anatomischen Institut, wo Elisabeth ihre Leiche zum Verkauf anbietet, wird eine drehbare Bühnenkammer zur Rampe vorgefahren. Gegen Schluss schwebt eine monströse Fratze vom Bühnenhimmel herunter, die als plakatives Symbol zuerst den zum SA-Schergen mutierten Schupo verschlingt, um gleich danach als Dekoration für ein Oktoberfest-Schaugeschäft zu dienen.

Alles in allem ist „Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod“ ein aufrüttelndes Theaterfest, das vom Premierenpublikum mit langem Applaus gefeiert wurde. Autor Horváth schrieb in einer Art Gebrauchsanweisung illusionslos: „Es ist doch eigenartig, dass Leute ins Theater gehen, um zu sehen, wie ein (anständiger) Mensch umgebracht wird (der ihnen gesinnungsgemäss nahe steht) – und dafür Eintritt bezahlen und hernach in einer gehobenen weihevollen Stimmung das Theater verlassen.“ Die Basler Aufführung könnte dafür sorgen, dass bei der einen Zuschauerin oder dem anderen Zuschauer etwas mehr als eine „gehobene weihevolle Stimmung“ bleibt.

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