Berauschender Bilderbogen: Verdis «Macbeth» in Basel

Bildgewaltig, körperlich, musikalisch präzise: Verdis «Macbeth» wird am Theater Basel zum Opernereignis.

So leichtfüssig tänzerisch – wenn auch mit Haut und Haar energiegeladen – hat man Lady Macbeth, die eigentliche böse Hexe in der an Hexenerscheinung nicht gerade armen Geschichte nach William Shakespeare, wohl kaum je gesehen. Und kam der mordende Emporkömmling Macbeth jemals so sehr als mordunlustige Identifikationsfigur daher? Regisseur Herbert Fritsch hat die Hauptfiguren der von Giuseppe Verdi zur Oper umgearbeiteten Tragödie nicht als Inkarnationen des Bösen angelegt, sondern als letztlich tragische Figuren, die dem Rausch der Macht erliegen.

Und damit nicht genug: Fritsch hat den Mangel an dramatischer Liebe wettgemacht, der dem Komponisten Verdi zu dessen Lebzeiten vorgeworfen wurde. «Macbeth» auf der Bühne des Theater Basel ist eine Liebesgeschichte –wenn auch eine tragische. Aber so ist das nun mal in Opern des 19. Jahrhunderts.

Liebe in einer unliebsamen Welt

Wir erleben ein Paar, das in inniger Weise aneinandergekettet ist: den hünenhaften Macbeth (Ian MacNeill) und seine zierliche, ihm ebenbürtige, ja ihn dominierende Lady (Heather Engebretson). Die beiden erleben, angetrieben von den missverstandenen Weissagungen der Hexen, ein sinnbetäubendes Auf und Ab zwischen überschwänglichem Hoch und verzweifelt bitterem Tief.

So ist die Musik Verdis angelegt. In seinem «Macbeth» hat er sich noch nicht vom Belcanto seiner Zeit verabschiedet, auch wenn er diesen durch expressive Blecheinsätze im Orchestergraben immer wieder durchbricht.

Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Herbert Fritsch hat das Ganze als berauschenden Bilderbogen mit Anlehnung an die Commedia dell‘ Arte umgesetzt. Die karge, blutrote Bühne verjüngt sich über fünf Bögen gegen hinten zu einer Art Höllentor. Im krassen Kontrast dazu stehen die opulenten, ins Groteske reichenden schwarzen Kostüme fast aller Beteiligten. Nur Lady Macbeth erscheint im schneeweissen Kleid. Gesungen und gespielt wird fast ausschliesslich in Richtung Bühnenrampe.

Körperbetontes Spiel auf der Bühne

Mit körperbetonten Choreografien – Macbeth schlägt ein Rad, der Chor erscheint als wogendes Menschenmeer – schafft Fritsch packende Tableaus, die mal an eine ausgeweitete Version von Rembrandt-Gemälden, mal an Darstellungen des Jüngsten Gerichts erinnern. Auf eine inhaltlich wie auch immer geartete Aktualisierung verzichtet er – wenn man von der leisen Andeutung absieht, dass Macbeth auf dem kurzen Höhepunkt seiner Macht mit goldblondierten Haaren daherkommt.

Dass Fritsch die Tragödie gelegentlich ins Groteske überschwappen lässt, passt zum mordlustig auf die Spitze getriebenen Geschehen. Beherrschendes Element der Aufführung ist aber die Musik, die Form und Stil der Inszenierung dominiert. Und die ist beim Basler Macbeth in formidablen Händen und Kehlen.

Dirigent Dirk Kaftan treibt und mässigt das Sinfonieorchester zum eindrücklichen Orchesterklang, der präzise zwischen dramatischem Fortissimo und einnehmend leise und zurückhaltend gespielten Passagen wechselt. Der eindrückliche Bariton des Macbeth-Darstellers MacNeil begeistert ebenso wie der facettenreich vorgebrachte Sopran von Engebretsons Lady Macbeth. Hervorzuheben ist zudem der Chor mit seinen überzeugenden spielerischen und musikalischen Auftritten, von denen es bei Verdis «Macbeth» gar viele gibt: ob als Hexenreigen oder aber als Krieger, als gebeuteltes Volk.

Einzelne Theaterbesuchende könnten im Vorfeld mit Skepsis darauf reagiert haben, dass ausgerechnet der Slapstick-Tausendsassa Herbert Fritsch in Basel an «Macbeth» herangelassen wurde. Der Abend hinterlässt jedoch den Eindruck, dass dies eine sehr gute Wahl war.


Der Text erschien am 23. Januar in der „bz Basel“.

Hinterlasse einen Kommentar