Goethe in ganz kurzen Hosen

Regisseurin Leonie Böhm setzt Goethes „Die Wahlverwandtschaften“ als „Versuchsanordnung von Beziehungen“ um. So steht es im Programmzettel. Auf der Basler Schauspielhausbühne ist wenig davon zu sehen.

Spätestens nach einer Stunde möchte man ausrufen: „Ist ein Regisseur im Haus?“ Oder eine Regisseurin. Im Programmzettel ist Leonie Böhm aufgeführt. War sie jemals da? Sicher. Aber hat sie auch inszeniert? Eher nein, möchte man sagen. Oder nicht wirklich.

So zumindest kommt das zerfahrene Spiel der vier Protagonistinnen und Protagonisten auf der leeren und mit vier Löchern versehenen Bühne vor. Eine „Versuchsanordnung“ halt. Lass sie mal machen, ohne letztlich wirklich etwas daraus zu machen. Nach einer Stunde ist der Zeitpunkt, an dem der Abend noch eine weitere Dreiviertelstunde andauern wird.

Es ist ein Abend, an dem das Publikum einbezogen sein will. Ganz am Anfang funktioniert das noch, am Schluss nicht mehr. Das Lob, dass das ganz toll war, wirkt da wie ein verzweifeltes Anrennen gegen das Scheitern. Nicht im Inhalt, sondern in der Umsetzung notabene.

Kreuzweise Irrungen und Wirrungen

Also diese „Wahlverwandtschaften“: Goethe hat in seinem Roman ein Beziehungsgeflecht entwickelt, das sich, durch die chemischen Prozesse der Liebe getrieben, kreuzweise verwirrt oder verirrt: Charlotte, liiert mit Eduard, verguckt sich in den Hauptmann Otto, während Eduard sich zur Nichte Ottilie hingezogen fühlt. Nur kurz: Bei Goethe kommt das nicht gut, es wird gestorben.

Diese Ausgangslage zumindest bleibt bei der Bühnenadaption „frei nach dem Roman von Johann Wolfgang von Goethe“ gleich. Nur dass Eduard von einer Frau (Maja Beckmann) und Charlotte von einem Mann (Kay Kysela mit Schnauz und Dreitagebart) gespielt wird, während der Hauptmann (Dominic Hartmann) und Ottilie (Vera Flück) ihre natürliche Geschlechtlichkeit behalten. Warum das so ist, bleibt im Dunkeln, ausser es sollte etwas Gentrifizierung demonstriert werden.

Das allein hätte nicht weiter gestört, wenn sich auf der Bühne ein Spiel entwickelt hätte, das ausser plakativen Einsätzen und Klamaukmomenten so etwas wie einen inhaltlichen roten Faden oder zumindest Inhaltsgeflecht geboten hätte. Und wenn man zwischen den eingestreuten Goethe Originalzitaten etwas mehr vom Text mitbekommen hätte, der im vor sich hin gehampelten Spiel über weite Strecken verbrüllt und genuschelt nur schwer oder gar nicht verständlich war.

Es gibt auch viel Musik an diesem Abend – am E-Piano von Fritzi Ernst schön gespielt, aber vom Ensemble wohl mit Absicht schlecht gesungen.

Am Schluss wird mit geteilten Wehen ein Kind zur Welt gebracht. Der unsicht- aber hörbare Säugling hat Hunger. Er braucht Milch. Wer hat solche? Der Hauptmann fragt das Publikum, die Antwort bleibt aus.

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