Lukas Bärfuss hat seinen jüngsten Roman „Die Krume Brot“ zu einer Parabel über eine Armutskarriere adaptiert. Das fulminant aufspielende Ensemble schmeisst sich in der Inszenierung von Antú Romero Nunes voller Leidenschaft und Spielfreude in ein schwindelerregendes inhaltliches und stilistisches Potpourri, das von klamaukhaften Nummerabfolgen bis zum berührenden Porträt einer Verliererfigur in unserer Gesellschaft reicht.

Das Ganze beginnt in der im Roman, zumindest im ersten Teil der vorerst erst angekündigten Trilogie nicht vorhandenen Gegenwart. Ein Autor, er trägt wohl nicht zufällig wie Bärfuss den Vornamen Lukas, versucht seiner Liebhaberin die Geschichte ihrer Herkunft zu entlocken. Bei dieser handelt es sich um die inzwischen erwachsene Tochter von Adelina, der Hauptfigur des Romans und nun auch des Stücks.
Es ist der szenische Rahmen eines Dramas, das zuerst einmal tief in die Vergangenheit führt.
Es ist etwas Geduld gefragt, bis der Theaterabend zur zentralen Dramenhandlung gelangt. Bei dieser geht es um das Schicksal des Migrantenkindes italienischer Eltern im Zürich der 1970er-Jahre. Sie erleidet ein Schicksal, das sich der Autotor Lukas Bärfuss „aus dem eigenen Fleisch geschnitten“ hat, wie er im Gespräch vor der Premiere sagte. Es ist das Schicksal eines Menschen, der quasi in die Armut hineingeboren wurde, der in den stetigen Abwärtsstrudel der finanziellen Not gerät. Anders als Bärfuss, der sich nach einem Lebensabschnitt auf der Gasse daraus befreien konnte, nützt bei Adelina alles Strampeln und Kämpfen nichts. Sie gerät in in ein bodenloses Loch und schliesslich in unselige Abhängigkeiten eines ungeliebten Gönners und schliesslich in die Klauen der Roten Brigaden in Italien.
Wie wenn das nicht schon genügend wild erscheinen mag, kommen nun noch 50 Jahre Familien-Vorgeschichte von Adelina hinzu, die Bärfuss in seinem Roman erzählt und auf die er auch in seiner Dramatisierung nicht verzichten wollte. So geht es zuerst zurück ins faschistische Italien, zum Grossvater, einem glühenden Anhänger von Mussolini, einem Faschisten und Rassisten. Es geht weiter zum Vater, dessen Karriere als Intellektueller in der Nachkriegszeit wegen seiner familiären Vergangenheit scheitert und der sich später als Migrant in der Schweiz als pseudointellektueller Versager in Schulden stürzt, die er schliesslich auf Drängen der abgehalfterten und unwürdigen Mutter seiner ungeliebten, weil akut leseschwachen Tochter überlässt.
Wilder und stakkatohafter Ritt
Antú Romero Nunes inszeniert diese Vorgeschichte als wilden stakkatohaften Ritt, ohne Scheu davor, Prinzipien des epischen Theaters von Bertolt Brecht mit der Posse der Commedia dell’arte zu vermischen. Die Bühnenausstattung (Matthias Koch) beschränkt sich hier noch auf flexible Bretterverschläge, alles andere, also Möbel und Requisiten, werden vom siebenköpfigen Ensemble gespielt, das sich mit bewundernswerter Verve von Menschen in Möbel, Garderobenständer, in Spiegelbilder und wieder zurück verwandelt, sich eine Wampe anfressen, mit dem imaginären Zug in den Krieg zieht von Frauen zu Männern mutiert. Da fliegen die Kleider und Perücken quasi im Sekundentakt.
Es bereitet grosses Vergnügen, dieser schier unbändigen Schauspielkunst beizuwohnen. Auch wenn, wie bereits beschrieben (wie übrigens auch in der Romanvorlage), das Ganze erst nach einer Weile in den Kern der Geschichte vordringt.
Adelina und Emma sorgen für ein Bühnenereignis
Und diese kommt. Die Auftritte von Adelina – sekundiert von ihrer Tochter Emma im Kleinkindalter – sind schlicht ein Bühnenereignis. Gala Othero Winter offenbart in der zerbrechlichen und zugleich auf ihre Würde bestehende Figur der Adelina tiefe und bedrückende Einblicke in ein Seelenleben, das geprägt ist vom ewigen und aussichtslosen Kampf gegen ihre und in ihrer Armut. Sie zu sehen, wie sie trotz ihrer bleischweren Schicksalsschläge aufrecht bleibt, wie sie sich trotzig weigert, sich durch sexuelle Gefälligkeiten Auswege aus ihrem Armutsstrudel zu verschaffen, wie sie in einem Akt der Überforderung ihr geliebtes Kind verdammt, wie sie durch das plakative Pamphlet des Revolutionsführers aus ihrem Gefüge gerissen wird, berührt ungemein.
Ihr zur Seite steht und fällt deren Tochter Emma. Gina Haller nimmt man das naive Gebaren des Kleinkinds ab, auch dann, wenn sie in einem dramaturgischen Kniff gleichzeitig den personifizierten Widerpart von Adelinas innerem Hader mit ihrem Würdeverständnis einnimmt.
Adelina und Emma/Winger und Haller bieten im zweiten Teil des über drei Stunden dauernden Abends einnehmende Fix- und Ruhepunkte. Das heisst aber nicht, dass das der furiose Ritt durch inhaltliche und stilistische Brüche damit ein Ende nimmt. Rund um Mutter und Tochter bleibt es struppig, possenhaft und plakativ. Die Figuren, die auf Adelina einwirken, bleiben Klischee-Erscheinungen im schlechtesten und besten Sinne des Wortes.
Um nur ein paar wenige aus dem grossen Figurenspektrum herauszugreifen: Fabian Dämmich ist als der quasi aus dem Nichts auftauchende Gönner ein bedauernswerter Tölpel sondergleichen – einfach einer mit Geld. Andrea Bettini ist als schleimiger sowie rassistisch-widerwärtiger Vermieter eine Karikatur des verlogen xenophoben Schweizers, Jörg Pohl erscheint als Schulden-Gnom des weiblichen Kredithais und als Wortführer der roten Brigaden wie grobschlächtig und hintergründig gezeichnete Comicfiguren, Kay Kysela hinterlässt als agiles Bildnis des vom Saisonnierstatut beeinträchtigten Italo-Lovers Toto seine verführerischen Spuren, Vera Flück gibt sich als zeitweilige Freundin Adelinas als selbstverleugnende Durchhalte-Schlampe und Elmira Bahrami als Barbesitzerin ist der Prototyp der zwielichtigen Nachlebens-Mutti.
Nunes und mit ihm der Dramatiker Bärfuss denken gar nicht daran, dieser Entourage glaubwürdiges Leben einzuhauchen. Sie sind und bleiben quasi mechanische Rädchen im System, das Adelina in den Abwärtsstrudel zieht. Das ist parabelhaft, ist plakativ, aber so wie es dargebracht wird, ein Fest für die Bühne, für das Schauspielrinnen- und Schauspielertheater.
Das Premierenpublikum war nach über drei Stunden Aufführung nicht zu erschöpft, den Schauspielerinnen und Schauspielern, dem künstlerischen Leitungsteam und dem Autoren frenetisch zu applaudieren.
Das meinen andere:
- Als einen „packenden Ritt durchs 20. Jahrhundert“ ist dem Kritiker der „bz Basel“ die Uraufführung in Erinnerung geblieben. „Über drei Stunden dauert Bärfuss’ Dramenbearbeitung seines Thesenromans «Die Krume Brot». Eine Machtdemonstration des Volksaufklärers, allerdings eine lohnende.“
- „Das Stück ist eine Zumutung – im besten Sinn“, heisst es in der „Basler Zeitung“. „Was gezeigt wird, ist in den Worten des Brigadiers Renato ein «Typenschicksal», das Tausenden Menschen widerfährt, auch heute noch. Dass dies nun auf die Bühne kommt, ist ein grosser Gewinn für die Theaterszene.“
- Verwundert nimmt der Kritiker des Theaterportals Nachtkritik zur Kenntnis, dass das Basler Publikum die Aufführung mit solche heftigen Applaus bedachte: „An Geschichtsaufarbeitung bleibt nur der unmotivierte Endlossermon der Brigate Rosse, für ein Sozialdrama fehlt die psychologische Empathie und als Klamauk ist es zu lang.“
