Der französische Theatermacher Philippe Quesne hält es nicht auf der Erde: Führte er das Basler Theaterpublikum 2021 noch in die unendliche Weiten der depressiven Asteroiden, zielte die Reise nun in seiner jüngsten Produktion im Schauspielhaus in den Mars-Untergang – frei nach Ray Bradburys Erzählband „Mars-Chroniken“.

Konsequent ist kaum etwas in dieser Inszenierung, die den Titel „Chroniken vom Mars“ trägt. Regisseur und Ausstatter Philippe Quesne mäandriert zwischen High und Low Tech. Videospielereien mit Greensreens, mit denen die sechs Schauspielerinnen in Echtzeit in künstliche Marswelten transferiert werden oder als körperlose telepatische Wesen agieren können, lässt er frisch und frei mit analog fabrizierten Geräuschen oder mit wohl absichtlich wenig übereinstimmenden Synchronstimmen akustisch untermalen, wenn gerade nicht Schnulzen von Elvis oder anderen Oldie-Interpreten eingespielt werden. Als „retrofuturitistischen Live-Theater-Film“ wird dies angekündigt.
Es handelt sich um den Versuch, die lose zusammenhängenden Kurzgeschichten der „Mars-Chroniken“ von Ray Bradbury aus dem Jahr 1950 auf die Bühne zu bringen. Der inhaltliche Rahmen: In einer Mars-Rakete fliegen ein paar Menschen in der vergangenen Zukunft von 1999 auf den roten Planeten, wo sie die telepatischen, aber martialisch mordenden Mars-Wesen arg in Bedrängnis bringen, schleppen sie doch die Windpocken ein. Wie sich diese auf die körperlosen Bewohner auswirken kann, bleibt allerdings schleierhaft.
Ganzkörperhüllen und Hotdogs
Auf der Bühnen begegnet man erst einmal Wesen in grünen Ganzkörperhüllen, welche die Raumschiffe in Form von Hotdogs durch die Luft schweben lassen. Die Greenscreen-Technik erlaubt es auch, die Marsianerinnen auf der grossen Leinwand als körperlose und die Gesichter reduzierte Erscheinungen auftreten lassen. Die Raumfahrer wiederum sind mit mittelalterlichen Ritterrüstungen bestückt.
Das kann als Satire auf das rücksichtslose kolonialistische Gebahren des Westes verstanden werden – zumal die Menschen den Mars zu einer Western-Landschaft entwickeln. Unter dem Strich wird der knapp zweistündige Abend aber viel mehr von der Form als vom Inhalt dominiert. Die technische Spielerei mit der künstlichen Realität und dem handwerklich fabrizierten Sound – das Zerbrechen der Knochen wird durch das Zerdrücken von Blechbüchsen über Mikrofone hörbar gemacht – hat durchaus seinen Reiz. Zumindest zu Beginn. Auch wenn Quesne mit einem höchst fantasievollen Ideenreichtum aufwartet und die sechs Darstellerinnen und Darsteller diese mit viel Spiellust umsetzen, verlieren die technischen Spielereien mit der Zeit etwas an überraschendem Witz.
Bis zum Schluss des Abends das Multimediaprojekt wieder zum Inhalt zurückfindet, sprich zu einer originellen tragikomischen Pointe: Vom Bühnenrand aus synchronisiert eröffnet ein Kolonialistenpaar einen Hotdog-Stand in Erwartung grosser Geschäfte mit den anreisenden Menschenscharen. Dummerweise müssen die Standinhaber aber zur Kenntnis nehmen, dass dieser Massenansturm ausbleiben wird, weil die Erde durch einen Atomkrieg zerstört worden ist.
Zur Ritterin geschlagen
Für das Theater Basel hatte diese Inszenierung übrigens einen speziellen Erfolgsmoment zur Folge. Für ihren Einsatz für französische Dramatiker wurde Dramaturgin und Schauspielleitungsmitglied Anja Dirks vom französischen Staat als Chevalière de l’Ordre des Arts et des Lettres ausgezeichnet.
Was andere über den Abend schrieben:
- „Quesne und sein Ensemble liessen an der Premiere keine Sekunde Langeweile aufkommen“, schrieb Florian Oegerli in der „bz Basel“. Und er gestand, einen der vergnüglichsten Abende seit langem erlebt zu haben.
- „Die Welt als Wunschtraum und Hotdog. Das Spiel mit den Genre-Konventionen, aber auch den melodramatischen Sehnsüchten hat vielerlei Reiz“, schrieb Andreas Klaeui auf der Internetplattform Nachtkritik. Quesne und Ensemble spielten es mit Lust und ohne Scheu vor Over-the-Top aus. Dass sie gleichzeitig mit den Klischees ihre virtuose Verfertigung zeigten, habe den Vorteil der Erdung und zugleich natürlich den Reiz des Backstage-Blicks.
- Lukas Nussbaumer zeigte sich in der „Basler Zeitung“ angetan von der Leistung des Ensembles. Und von der Form: „In Erinnerung bleiben die ‚Chroniken vom Mars‘ vor allem aufgrund der tollen technischen Umsetzung des Theater-Film-Hybrids.“
